Nur ein kurzer Blick

Seinen Blick sehe ich immer noch vor mir. Irgendwie hoffnungslos, resigniert, so schien es. Geradezu eingebrannt sitzt er in meinem Gedächtnis. Dabei liegt der Vorfall mindestens ein Jahr zurück. Ich saß auf dem Flur, im Wartebereich der orthopädischen Abteilung. Vom Ende des Ganges kam er getrottet. Direkt auf mich zu. Ich schätzte sein Alter auf Ende 30 bis Anfang 40.  Seine Füße schlichen über den Linoleumboden. Eigentlich war es mehr ein schlurfen. Er setzte nicht einen Fuß vor dem anderen, wie beim normalen Gehen. Vielleicht eine Fußverletzung, dachte ich und deshalb ist er jetzt hier im Krankenhaus. Und daher dieser auffällige Gang.

Die hellblauen Jeans, sowohl Farbe als auch Schnitt, schienen aus einer anderen Zeit. Genauso wie das graue Sweatshirt. Dazu ehemals weiße Turnschuhe, schmuddelig und abgelatscht. Vielleicht bedeutete ihm sein Aufzug nichts. Jedenfalls wirkte er, als ob es ihn nicht interessieren würde. Mach es nicht so wichtig, Hauptsache, die Sachen passen und sind sauber, tadelte meine Mutter, wenn sie mir abgelegte Sachen von den älteren Geschwistern vorsetzte. Wie ich es hasste! Dabei übersah ich jedoch, dass es vielen in meiner Klasse genauso erging. Nur einmal, mein Bruder sonderte eine schwarze Hose aus, haderte ich nicht. Diese Hose war absolute Spitze. Schmal geschnitten, ein breiter Gürtel auf den Hüften. Und ich hatte zum ersten Mal nicht um eine Hose kämpfen müssen.

Also, der Mann betrat den Flur am Ende des Ganges. Krankenhausflure sind meistens lang. Vor den Türen baumeln an langen Bänder diese Griffe von der Decke, Griffe zum Ziehen. Oder man drückt auf faustgroße Taster an den Wänden. Die breite Automatiktür jedenfalls sprang mit ausholendem Schwung auf. Das Geräusch ließ mich kurz aufblicken. Damit war ich gleich im Film. Neben ihm zwei Personen, rechts die Frau, links der Mann, beide dunkel gekleidet. Es wirkte, als wären sie nur gekommen, um gemeinsam durch diese Tür zu gehen, um sich gleich danach wieder zu trennen. Zufällig hatten sie den gleichen Weg. Und doch, irgendetwas war. Nur, -ich konnte es nicht deuten. Schweigend näherten sie sich der Sitzecke, wo ich darauf wartete, aufgerufen zu werden.

Ich konnte mir nicht erklären, warum mich gerade dieser Mann in der Mitte so magisch anzog. Man hätte mir in dem Moment wohl vorwerfen können, schamlos zu starren. Jedenfalls schien der in der Mitte meinen Blick zu spüren. Er blickte kurz auf. Ein verstohlener, tastender Blick, der da über mein Gesicht strich. Es war mehr ein kontrollieren, bewerten. Ein flackerndes Augenpaar, das für einen Moment Neugierde erahnen ließ. sein Wissen wollen erlosch abrupt. Dabei wirkte er nicht schüchtern.

Die Gruppe hatte fast meine Sitzposition erreicht, als die Frau ihren rechten Arm hob. Ihre Hand deutete rüber zur linken Seite. Sie wies in den Gang zur Inneren Abteilung. Die Innere, dort werden Untersuchungen wie Magen-Darm-Spiegelungen vorgenommen. Ich kenne die Abteilung. Wer dort hin muss, hat einen auffälligen Befund.

Fast augenblicklich reagierte der Mann auf diese Art der Kommunikation. Er folgte ohne weitere Regung. Wie von einem festen Band gezogen, wechselte er die Richtung, bog vor meiner Sitzreihe ab. Nur für diesen kurzen Moment kam er mir jetzt ganz nahe. Merkwürdig, dass ich mich an seine Frisur als dunkelblonden, aus der Fasson geratenen Haarschnitt, erinnere. Die Gesichtshaut wirkte blass und schlaff. Schlechte Ernährung, Vitaminmangel, zu wenig Bewegung an der frischen Luft, dachte ich noch. Seine Begleiter sahen durch mich hindurch, gingen gemessenen Schrittes vorbei. Meine Augen musterten die Kleidung der beiden genauer. Auf den Oberarmen ihrer schwarzen Blousons prangten Namensschilder. Ich las: „Landesjustizanstalt Niedersachsen“. Was in dem Moment genau in mir vorging, weiß ich nicht mehr. Nur, dass ich automatisch auf die Füße des Mannes schaute. Und schlagartig den Grund für seinen schleppenden Gang erkannte. Er trug Fußfesseln, an beiden Knöcheln. Erschrocken schaute ich zur Seite. Impulsiv, so, als ob ich es hätte nicht sehen wollen. Hob dann meinen Blick erneut, schaute ihm nach, aber da war er schon vorbei. Schlurfend, den Rücken vorgebeugt.

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