Die S-Bahn ist mal wieder spät dran. Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Die Leute auf dem Bahnsteig drängeln an uns vorbei. Rücksichtslos, alle wollen auf einmal durch die Tür. So sind wir natürlich die letzten. Wie immer. Jetzt kann ich sehen, wie ich da reinkomme. Mit Gabi in diesem Rollstuhl. Also, den Stuhl leicht kippen, anschieben und dann rechts um die Ecke, zu den Stellplätzen, Aber klar, die sind blockiert. Alle besetzt von Leuten, die in ihr Handy starren oder aus dem Fenster. Wie immer. Dabei steht oben groß und deutlich: Stellplatz für Rollstühle bitte freihalten.
Und ich komm hier mit einem Rolli. Das seht ihr doch. Und ich brauche den Platz. Eigentlich muss ich das doch gar nicht sagen. Also los, denke ich, alle aufstehen. Glotzt nicht so blöd. Steht endlich auf, zack, zack. Verdammt, dieser Rollstuhl ist so störrisch. Gabi muss das Bein gerade halten, darf es nicht anwinkeln, nicht belasten. Ich krieg das Ding nicht in den Stellplatz. Es ist alles so eng, überall stehen Leute im Weg. Die Bahn fährt an. Festhalten. Ich muss das schaffen. Sonst fliegt der Wagen durch die Gegend. Und dann hat Gabi noch mehr Schmerzen.
Wenn hier drin nur nicht so miefige Luft wäre. Es ist alles ein einziges Chaos. Oh Mann, ich brauch was zu trinken. Diese beiden Tussis hier, mein Gott, die haben mir gerade noch gefehlt. Hä, was ist los? Ich und unhöflich? Geht doch einfach aus dem Weg. Und behaltet eure Kommentare für euch. Aber sagen darf man nichts. Ihr habt doch keine Ahnung, wie das ist. Gabi sitzt den ganzen Tag in diesem Teil, kann sich kaum bewegen. Sie hat Schmerzen, ihr Bein tut weh. Ich glaub das nicht. Ach, lasst mich bloß in Ruhe.
Manche Leute regen sich über alles auf. Reden den ganzen Tag bloß Stuss. Ich glaub das nicht. Die, mit diesem überheblichen Grinsen im Gesicht, wenn die sich selber hören könnte. Wie eine Lehrerin. Immer der gleiche Scheiß von Ruhe bewahren und Rücksicht nehmen. Erzähl das deinen Kindern, aber nicht mir. Und ich soll mich entspannen? Ja, ja, entspannt mal selber. Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Bei euch muss man mal laut werden. Hab doch nur gesagt, sie sollen aus dem Weg gehen. Kann ich doch nichts dafür, wenn sie gleich beleidigt sind. Ich bin nicht unhöflich. Blöde Weiber, immer das letzte Wort. Und die andere, die daneben steht, gibt auch noch ihren Senf dazu! Die guckt mich vielleicht an! Die Haare knallrot. Wie kann man nur solche Haare haben! Meine Gabi würde so etwas nicht machen. Die ist nicht so verrückt. Sie tut mir so leid.
Verdammt, ich hätte sie bei dem Glatteis nicht alleine zum Einkaufen gehen lassen dürfen! Dann wäre der Unfall nicht passiert. Jetzt sitzt sie da in diesem Scheißding und sagt keinen Piep. Mein Bier trink ich, wo es mir passt. Habe ich mir verdient. Scher dich um deine eigenen Sachen. Du bist doch nicht ganz dicht. Dazu fällt mir nur Pumuckel ein. Und dann dieser kurze Rock. Unmöglich. Wie kann man so rumlaufen! In dem Alter!
Hä – macht euch nur über mich lustig. Die Damen halten sich wohl für was Besseres. Lacht ihr immer so blöde? Sich hinstellen und über andere Leute lachen, was ist das denn? Ich hab euch nichts getan. Ach, quatscht nur. Ich trink jetzt mein Bier und hör da nicht mehr hin. Komm Gabi, guck da nicht hin, es wird schon wieder. Lass mich mal machen. Bloß gut, dass wir an der nächsten Station rausmüssen.

