
Meistens herrscht eine friedliche Stille in der S-Bahn. Landschaften fliegen vorbei, ich studiere die Gesichter der Mitfahrenden. Junge Mädchen, ihre Haare zupfend, mustern die Insassen, werden gemustert. Ich betrachte Büromenschen in Businessverkleidung, meistens gut geschnitten, weiße Kragen, teure Lederschuhe, durchgedrückte Schultern. Höre Handys klingeln. Abgehackte Worte, sinnlose Monologe tanzen durch die Luft. Richtige Gespräche sind selten. Die meisten Menschen sitzen mit Stöpseln in den Ohren, stieren auf flackernde Monitore. Wer bin ich für sie? Ein Typ, der Leute anstarrt, ihnen beim Popeln zusieht und Luftgespräche belauscht?
Manchmal wird die Ruhe durch Lautsprecheransagen unterbrochen. Oder durch Menschen wie Matthias. Seine ruhige Stimme klingt klar: „Guten Morgen, ich bin der Matthias. Entschuldigung, dass ich Sie belästige. Ich bin obdachlos und schlafe unter einer Brücke. Ich möchte Sie um etwas Essen oder Trinken bitten oder um ein bisschen Kleingeld. Ich bedanke mich und wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Ein durchsichtiger Plastikbecher klappert sich durch die Reihen. „Danke, vielen Dank, Danke.“ Gesenkte Augen rücken zur Seite, schauen unbeteiligt Richtung Fenster, Ekel im Gesicht. Nur dem Menschen in seiner stinkenden Jeans und verdreckte Rucksack nicht zu nahe kommen.
Ich bin erschöpft von einem vollgestopften Tag, möchte nach Hause. Der Zug hat sich geleert, bis auf einige wenige Fahrgäste. Da fällt mir in der übernächsten Vierergruppe rechts, ein Mann im grünen Lodenmantel auf. Solche Lodenmäntel, olivgrün, wadenlang und weit geschnitten, sieht man heute selten. Er wirft ihn auf die gegenüberliegenden Sitze, ein dicker, brauner Strickschal fliegt, zack, gleich hinterher. Na, ja, seine Bewegungen wirken hölzern, ruckartig. Er schaut auf seine Füße, stellt die braunen Lederhalbschuhen aneinander. Öffnet die Schnürsenkel, stellt die Füße auf die Sitzkante gegenüber. Nach einem langen Tag hat man es gerne bequem. Ich kann das nachvollziehen, auch wenn ich nicht sein Gegenüber sein möchte. Er wirkt unruhig. Hebt die Füße wieder in die Schuhe. Nestelt an seiner Hose. Die sieht bequem aus, vom Stil her wie Flanell. Gürtel auf, Reißverschluss auf, Hand in die Hose, Hand raus, wieder rein und raus, den Reißverschluss hoch, die Gürtelschnalle verschließen. Fertig. Er zupft das Revers seines Sakkos gerade, zieht die Ärmel in Form. Wirft den Schal um den Nacken. Fertig. Als nächstes erneut die Füße auf die Bank, zurück in die Schuhe, nochmal rauf und runter. Wieder fertig. Fahrig durchkramt er die Jackentaschen. Gegenstände fliegen auf den Nebensitz, klappern gegen die Wand. Dann – einen Moment Ruhe. Nicht lange, und es zieht ein Geruch von Tabakqualm durch den Wagen. Eine graue Wolke schwebt über graue, stoppelige Haare. Er qualmt! Ich täusche mich nicht. Ja, richtig, im HVV herrscht absolutes Rauchverbot.
Inzwischen sitze ich allein mit ihm im Wagen. Auch die beiden Männer, gemütliche Typen, Jeans, weiße Turnschuhe, über den gewölbten Bäuchen Poloshirts, Modell beigeblauweiß geringelt, typische Altherrenmode, die sich mit ausschweifenden Gesten unterhielten, sind weg. In meinen Ohren singt noch der fremde Klang ihrer Sprache. Die Bahn rattert immer weiter ihrer Endstation entgegen. Lichter von fernen Häusern leuchten wie Glühwürmchen, ab und an glänzt ein Auto. Hier und da vereinsamte Straßenlaternen, schrille Leuchtreklamen, Neon, in grün und rot. Der Geruch ist versiegt. Plötzlich taucht die rote Strickmütze auf. Ein neues Kapitel beginnt. Mütze auf, Mütze ab, auf die Sitzbank, zurück auf den Kopf. Wieder kein Wort. Meine Augen folgen fasziniert dieser Aufführung. Ich sehe keinen Rhythmus, keinen Faden, der ihn führt. Alle Augenblicke wirft er merkwürdige Blicke über seine linke Schulter, zuckt nach hinten. Sucht er Aufmerksamkeit, glaubt er sich verfolgt? Ist es ein Tick? Immer dieser irre Blick. Starrend fährt er durch den Wagen. Vor mir immer wieder Füße auf den Sitz, Blick nach hinten, richten der Hose, Blick über die Schulter, Mütze in der Hand, Schal auf den Sitz, stechender Blick, irre Augen. Ob Angehörige oder Betreuer ihn erwarten, sich Sorgen um ihn machen? Zugbegleiter gibt es keine und auch keinen Notruf. An der nächsten Station muss ich umsteigen. Der Zug fährt bremst ab, rollt langsam in den Bahnhof. Aus den Augenwinkeln sehe ich seine Statur in den grünen Mantel, den mit kleinen geometrischen Mustern rotgraublau bestreuten Sitz neben ihm mit der zerblätterten Zeitschrift, einem blaues Stabfeuerzeug, einige zerknüllte Kassenbons, Bonbonpapier und allerhand undefinierbares Zeugs. Und maskenhafte Gesichtszüge, mit Augen, die gleichgültig geradeaus starren. Ich merke mir die Wagennummer: 4976. Es ist 20:33 Uhr. Der Bahnsteig versinkt hinter dem Zug. Schwer atmend renne ich mit meiner schweren Umhängetasche durch die Unterführung zum Nachbargleis. Zu meinem Anschlusszug, zurück in mein reales Leben.
