Ein Portrait in Bändern

Wie jung du doch bist. Ein gepflegtes Gesicht, Augenbrauen, Wimpern, gut in Form. Das Haar straff nach hinten gezogen. Die Haut unverbraucht, fleckenlos, erste feine Fältchen sind nur zu erahnen. Und schöne Lippen, ausdrucksvoll, geschwungen. Oder hast Du sie mit Botox aufspritzen lassen? Nein, derartige Kunstgriffe lehnst du ab. Den Blick zur Seite gerichtet und ja, die Augen ernst, in Gedanken versunken. Zuerst denke ich dabei an die Unbefangenheit der Jungen in ihrer Ahnungslosigkeit. Was fühlst du in diesem Korsett aus Bändern? Solche Art Schnüre gibt es Rollenweise zu kaufen. Ich benutze sie zum Einwickeln von Päckchen, verschönere damit Geschenke. Wer hat dich derart bewickelt?

Runde um Runde fährt die Schnur Achterbahn um dein Gesicht. Kreuzt deinen Nasenrücken, verschließt dir den Mund. Die Augen ruhen in sich, mit einem Blick voller Bänder, eingerahmt, als Sichtfelder eines Brillengestells. Du trägst sie mit Fassung. War es dir unangenehm oder schmerzte es gar? Die Fäden sind nicht zu straff gezogen. Bohren sich nicht in deine Haut, hinterlassen unsichtbare Abdrücke in der Seele. Ach, ich hätte gerne deine Reaktion gesehen.

Vielleicht legst Du deinen Gefühlen jeden Tag solch eine Verkleidung an. Ja, ich nenne es Verkleidung. Du beobachtest herum. Schweigend, teilnahmslos, auf Distanz. Gibst nur die Überschrift. Kühl und unbeweglich, ja überheblich, wird man dir nachsagen. Überlässt den anderen den Raum. Ein Spiel mit vielen Möglichkeiten. Es enthält Trauer, Misstrauen, negatives Denken, dem anderen etwas auf seiner Tafel ankreiden wollen, genauso wie sich wertschätzend und verständnisvoll zu begegnen, ohne zu verurteilen oder zu richten. Sagen können, was ist. Wer sagt, was richtig ist?

Du möchtest wissen, warum mich dein Anblick so fesselt? Jedenfalls eine Nummer, sich in dieser Pose abbilden zu lassen – gleichzeitig herausfordern und unbeteiligt sein. Der Verband, gepaart mit dem Gesichtsausdruck gibt mir Rätsel auf. Schwermütig, traurig, voller Sehnsucht – so könnte ich dich sehen. Deine Augen – sie suchen mich nicht. Führst du Selbstgespräche? Im Scheinwerferlicht der Momentaufnahme, von der Unschärfe zur Schärfe. Ich sitze mit dir in dem Korsett. Alles, was dort draußen passiert, betrifft mich dann nicht mehr. So könnte ich dir meine Gedanken in den Blick legen; echt, mitfühlend. In diesem Korsett kann ich mich verbergen, das Leben ziehen lassen. Aber die Bänder hindern mich, frei zu atmen. Sie schnüren meine Gedanken und Gefühle ein. So, als wären sie nicht vorhanden. Das lässt mich nicht kalt. So wie der Schmerz dieser Welt dich nicht kalt lässt. Dieser Schmerz des nicht reden können, des schweigen müssen. Was wir wissen, entspricht nie ganz der Summe dessen, was wir vorfinden. Das Gedankenkarussell rennt.

Alleinsein für sich oder mit den anderen ist ein langsamer, schmerzloser Verfall. In meinen Augen spiegelt sich ein gebrochenes Bild. Wie eine leere Form, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. So inszeniert dein Ich ein Drama. Der Instinkt sucht nach einer Lösung. Ist es eine alltägliche Erzählung, die dich beschäftigt? Oder das Nachdenken über eine unglücklichen Beziehung oder eine falsche Entscheidung, einen Verlust, Einsamkeit? Es könnten auch gesellschaftliche oder politische Ereignisse sein, die das Leben aus dem Tritt bringen. Vieles wäre möglich. Wenn ich mich für eine Erzählung entscheide, entscheide ich mich gegen alle anderen. Ich würde gerne nach dem Ende des Bandes suchen, dich aus dieser Scheinwelt befreien. Irgendwo muss es versteckt sein. Ist es verknotet, mit einer Haarnadel befestigt? Stell dir vor, ich fasse dieses Ende und spüre, Runde um Runde, seinen Verlauf nach. Lege dir das fein aufgerollte Knäuel in den Schoß. Dann gleiten meine Hände sanft über deine Haut. Wischen alle Bedenken, alle Unwägbarkeiten beiseite. Dieses Band ist nicht alles, was Du trägst. In deinem Kopf entsteht der erste Satz. Deine Form füllt sich mit Licht.

…wie auch der Gedanke, der einen befällt, da die Tage dunkler werden

Ein Gedanke, gegen den man sich jahrelang wehrt, bis man auf einmal drauf kommt,

dass nichts so unwichtig ist, wie gesehen zu werden.                                          

Lukrez IV, Versuch über das Licht, John Burnside

Bildnachweis: Robert Reis | robert@reis-art.de

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