Ich bin ein Traum von einem Weihnachtsmann. Weiche Wellen silbergrauer Haare umrahmen mein Gesicht. Lassen gerade Platz für eine frostrote Nase und blaue Augen. Auf meinem Kopf tanzt, wie eine Krone, die tief in die Stirn gezogene Zipfelmütze. Der Samtmantel ist mein Heiligtum. Mein Auftreten in diesem schwungvollen Rock, mit weißem Pelzbesatz an Saum und Ärmeln, verleiht mir Eleganz. Ja, ich bin ein Traum von einem Weihnachtsmann! »Oh, schau mal, der schöne Weihnachtsmann«, sagen die Leute, wenn ich, ihre bewundernden Blicke im Rücken, durch die Fußgängerzonen schlendere. Nein, ich bin kein billiger Fetzen. Und ich spiele nicht irgendeine Rolle Ich fühle mich ganz tief hinein in das Wesen dieses großväterlichen Freundes und Geschenkebringers. Man könnte mich aus dem Tiefschlaf holen – sofort bin ich Weihnachtsmann. Ich lebe den Weihnachtsmann. Ich habe diesen Weihnachtsmann professionell aufgebaut und ausgestattet. Viele Familien können sich nichts Schöneres vorstellen, als mich am Heiligabend in ihrem Wohnzimmer zu erwarten.
Wenn ich vorhin von Schlendern sprach, ist das nicht richtig. Heute, am Heiligabend, warten 12 Kunden auf mich. Es kann schon mal stressig werden. Jedes Jahr steigen die Ansprüche. Es geht dabei nicht nur um Pünktlichkeit. Gerade die Neukunden, so wie die Familie Meister, legen Wert auf Jutesack, goldenem Buch, bimmeln mit der Glocke und HoHoHo. Freundlich und einfühlsam, liebevoll, aber auch bestimmt, soll ich die Kinder ermahnen; nicht zu streiten, nicht so viel Handy, weniger Süßes usw. Ich soll sie zu Rücksicht und guten Taten auffordern. Dies und einige andere Leitsätze steht häufig auf den ausführlichen Notizzetteln, die ich bei den Vorgesprächen überreicht bekomme. Soll ich sie zu besseren Menschen machen? Merkwürdigerweise hat sich an dieser Art und Weise, den Weihnachtsmann als Erziehungsinstrument zu nutzen, über die Jahre kaum etwas geändert. Selbst unter großem Zeitdruck ist mir nie ein grober Fehler unterlaufen. Nie habe ich Pakete vertauscht. Nie ein richtiges Durcheinander angerichtet. Nie die Gastgeber zur Verzweiflung getrieben.
Nur, ja, nur wenn da nicht dieses Stöbern in meinem Dachgeschoß wäre. Es ist mir, als würde ein Kobold in meinem Kopf herumspringen, Schubladen öffnen und umsortieren, Dinge verlegen, Gedanken ausradieren. Ein kleiner Teufel, der meine Kundengespräche abhört und mir aufrührerische Ideen einflüstert: »Stell Dir vor, wäre es nicht lustig, ein bisschen Leben in die Bude zu bringen? Herr Meister auf sein Übergewicht anzusprechen? Es wäre doch geradezu meine Pflicht, ihm einen gesunden Lebensstil abzuverlangen. Mehr Fitness, weniger vor dem Fernseher sitzen und weg von den abendlichen Chips und dem Bier. Kann doch nicht so schwer sein. Und dann Frau Meister! Wo war sie mit ihren Gedanken bei der Auswahl der Geschenke? Nur wertloser Plastikmüll; nichts pädagogisch Wertvolles!« Wenn ich kurz die Augen schließe, dreht sich die Welt und der Kobold spielt sein Spiel mit mir. Ich sehe mich bei Familie Meister den Laden auseinander nehmen. Mich an den entsetzten Blicken der Eltern weiden. Ob man mir solche Gedanken ansieht? Herr Meister hatte mich beim Abschied so nachdenklich angeschaut. Aber die Menschen sind heutzutage misstrauisch.
Nur jetzt keine Tagträume. Es wird Zeit. Zuerst zum Schreibtisch. Wo habe ich das Tablet mit den Notizen hingelegt? Es liegt immer auf dem Schreibtisch, neben dem PC. Dort habe ich es hingelegt. Sicher habe ich es dort hingelegt. Gleich werde ich es dort finden. Neben dem goldenen Buch, das ich extra für heute angeschafft habe. Warum sollte es nicht dort liegen? Natürlich wird es dort liegen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es nicht dort liegen würde. Gleich werde ich es dort finden. Hohoho. Und ich werde die Tour noch einmal in Ruhe durchgehen: Mit dem 210er Bus, der alle 30 Minuten vor meiner Haustür abfährt. Von der Haltestelle nach links, 150 m. Die Gartenstraße, das sind Einfamilienhäuser mit Vorgärten. Das Haus der Familie Meister liegt rechter Hand. Neben der Haustür ein beleuchteter Tannenbaum. 2mal kurz klingeln als Erkennungszeichen. Ich lege den Finger auf den Klingelknopf, drücke 2mal. Das Summen des Türöffners, ich drücke gegen die Haustür. Die Treppe hoch, den Flur entlang. Die Geschenke liegen unter der Treppe. Hübsch verpackt, mit Schleifchen und Namensschildern. So sagte es Herr Meister und Frau Meister hatte dazu bekräftigend genickt. Sie würden halten, was sie versprechen, sollte das heißen. Ich stopfe die Geschenke in den Sack. Die Wohnungstür ist angelehnt. Weihnachtsmusik weist mir den Weg. Zunächst mit der Glocke bimmeln. Für einen Moment bin ich geblendet von der Helligkeit der Kerzen. Kurz einen Rundblick durch den Raum, die Anwesenden mustern, insbesondere die Kinder. Sind sie ängstlich, aufgeregt, vorlaut? Jedes Kind reagiert anders. Ihr Verhalten sagt viel über die Familie aus. Eine freundliche Begrüßung. Das Buch aufschlagen: Wie heißen die Kinder, welche Wünsche haben sie? Wer ist sonst noch anwesend? Welche Leidenschaften, welche Fehler sollen angesprochen werden? Danach Gedichte aufsagen, Geschenke verteilen, gemeinsames Singen und ein kräftiges Hohoho.
Das Weihnachtsmanndasein ist begrenzt; elf Monate im Jahr ohne Bedeutung. Auch wenn die Schokokollegen schon ab August im Supermarkt die Regale besetzen. Geheime Zeichen senden. Der Countdown läuft, macht euch bereit! Letztendlich geht es doch nur ums Geld. Es geht immer nur ums Geld. Es ist überall das gleiche. Der Einzelhandel will auf seine Kosten kommen. Die Werbebranche sendet pausenlos fröhlich schaurige Momentaufnahmen, drängt zu elektroinfiziertem Spielzeug, blinkendem Plastikmüll, computergesteuerter Unterhaltung. Weihnachten ist Konsumrausch in Reinkultur. Die Eltern wissen nicht mehr, was sie ihrem Kind schenken sollen. Das Kind weiß nicht mehr, was es sich wünschen soll.
Ich bin aus der Übung. Jedes Jahr die gleiche Misere. Es fehlt an der Konzentration, an dem Regelmaß. Ich fürchte mich davor, zu versagen. Nervöser Magen, Selbstzweifel. Kleine Nichtigkeiten lassen mich ungeduldig werden. Am liebsten möchte ich alles hinschmeißen. Wie lange mache ich das nun schon? So kann es nicht weiter gehen. Es muss ein Ende haben. Ein Weihnachtsmann, der in den Ruhestand gehört. Seit 20 Jahren jeden Heiligabend unterwegs. Überall die gleiche Nummer. Hohoho. Der Sack mit den Geschenken, Ermahnungen an die Kinder, Gedichte aufsagen lassen. Die ängstlichen Blicke, zögerlichen Berührungen, die vorlauten Stimmen der unerschrockenen Draufgänger. Zwischendurch die Sinnfrage. Wozu braucht man heute noch einen Weihnachtsmann? Ja, man sollte in den Ruhestand gehen. Endlich mal, nur für sich, Weihnachten feiern. Ohne mitleidige Blicke im Rücken, wenn man beim Weggehen ein Stück Stollen in die Hand gedrückt bekommt. Hier, für Sie, heißt es dann, Sie sollen auch nicht leer ausgehen. Frohe Weihnachten.
Künstliche Intelligenz, Roboter, passende Software – da liegt die Zukunft. Vielleicht gäbe es überall Ladestationen, ähnlich den Paketstationen. Geschenke abgeben, Adresse auswählen, einige Infos zu der Familie, Route berechnen lassen, per PayPal bezahlen. Fertig. Zwölf Auftritte an Heiligabend, für einen Roboter kein Problem. Einzig die Anfahrt per Bus oder S-Bahn wäre derzeit noch eine Herausforderung.
Bitte, reiß dich zusammen, sage ich mir. Du hast es doch immer gern gemacht. Du schaffst das! Sobald Du mit den Geschenken vor der Türe stehst, ist es ein Selbstgänger. Ja, ja. Wo ist nun das Buch mit den Notizen? Ach ja, hier auf dem Küchentisch. Dabei liegt es doch sonst immer auf dem Schreibtisch. Und jetzt liegt es auf dem Küchentisch. Ach ja, ich habe schon während des Frühstücks drin gelesen. Obwohl es nicht gesund ist, beim Frühstücken zu lesen. Mein Magen möge es mir verzeihen.
Also, ich studiere noch einmal den Ablaufplan, die Adressen, überprüfe die Fahrpläne der Busse. Sehe auf die Uhr. Jetzt aber. Ich darf auf keinen Fall zu spät kommen. Die erste Verspätung würde alles ins Rutschen bringen. Manche Kunden können recht ungehalten werden, auch an Weihnachten, dem Fest der Liebe. Also zuerst die Gartenstraße 18, dann Veilchenweg 5. Das liegt auf dem Weg zur Langen Reihe. Dort drei Adressen in unmittelbarer Nachbarschaft. Familien, die es eilig haben, mit Kindern, die sich auf die Geschenke stürzen. Dadurch kann ich etwas Zeit einsparen. Acht Stationen mit dem Bus 46. In voller Montur. Klar, dass es Sprüche gibt, Anmache, Fragen nach dem Sackinhalt. Bislang ist mir keiner zu nahe getreten. Nur einmal hat man mir die Mütze geklaut.
Wenn nur überall die Geschenke an den vereinbarten Orten liegen. Alle haben es versprochen. Familien, die ihre Kinder zu Weihnachten überraschen wollen, sind zuverlässig. Sie halten, was sie versprechen. Ganz sicher. Warum also sollte ich die Geschenke nicht vorfinden? In dem Flur unter der Treppe, in einem Karton neben der Tür, beim Nachbarn nebenan usw. So, wie besprochen. Und alle Geschenke sind mit einem gut leserlichen Namenszettel versehen. Und wenn sie nicht in den Sack passen? Was kann alles passieren?
Es ist windig und regnerisch. Den ganzen Tag schon. Wenn ich nur trocken ankomme! Nichts wäre schlimmer, als ein Sturzregen. Ein Sturzregen, ein richtig heftiges Schauer, das den Mantel durchweicht, wäre schlimm. Man stelle sich vor, der schöne Mantel ruiniert, die Mütze sowieso. Oje, dieser flauschige, weiche Mantel! Welch eine Fiasko! Die Schminke würde sinnlos in meinem Bart herumhängen, die Kinder meinen Auftritt durchschauen. Mit den Fingern auf mich zeigen, sich lustig machen, mich auslachen. Meine Auftraggeber wären empört. Nein! Unmöglich! Bessernicht so viel grübeln. Der Auftritt wird klappen. Geschenke in den Sack, anklopfen, die Stimme senken, Ansprache, ein Gedicht, die Geschenke, ein Lied. Immer daran denken, hinter jedem Geschenk steht ein Kind mit Sehnsüchten und Wünschen. Und danach gleich in die Kneipe. Ich brauche das Geld für mein Weihnachtsfest, mit den Kollegen, in der Kneipe. Etwas Anständiges essen. Zusammen anstoßen, über den Job quatschen und ein bisschen auf sentimental.
Es ist den ganzen Tag nicht trocken geworden. Stunde um Stunde nur Regen, wie aus Eimern. Hundewetter! Sauwetter! Wie lächerlich wirkt ein Weihnachtsmann mit Regenschirm! Die Mütze wird am Kopf kleben. Ein jämmerlicher Haufen. Ich stehe am Fenster, schaue dem Wetter nach. Nun schneit es. Wie bestellt. Ein Wunschtraum zu Weihnachten. Filigrane Fallschirme segeln durch die Luft. Hüllen Häuser und Straßen in weiße Überzüge. Sofort denke ich mir rutschige Straßen, mangelhaft geräumte Gehwege, einen mit Nässe vollgesogenen Mantel und durchweichte Schuhe. Brillengläser beschlagen beim Betreten der geheizten Wohnungen. Schlecht für Weihnachtsmänner.
Bitte, reiß dich zusammen, sage ich mir, als ich den roten Mantel vom Bügel nehme. Ein letztes Mal die Stiefel überwienern. Ein Blick in den Spiegel. Die Augen wirken müde. Mittlerweile trage ich eine Brille, wie sie der Coca-Cola-Weihnachtsmann hat. Silbermetallic, mit runden Gläsern. Noch das Gesicht zurecht machen. Mit dem Schminkpinsel über Wangen und Nase. Den Bart striegeln. Wie weich fallen die prachtvollen Locken! Die meisten Weihnachtsmänner tragen einen künstlichen Bart. Lockenträume aus Polyamid und Polyester, reißfest angeklebt; für alle Fälle. Ich könnte das nicht. Solch ein Fremdkörper in meinem Gesicht? Unvorstellbar! Ich bin stolz auf meinen Bart. Er gefällt mir. Sack, Glocke, goldenes Buch liegen bereit. Einmal noch die Notizen lesen, Namen und Adressen merken, den Ablaufplan mit den Buszeiten abgleichen.
Ich schaue zu dem 210er Bus, er ist pünktlich. Er fährt heute genauso pünktlich wie an allen Tagen, alle 30 Minuten. Ich sehe alles genau vor mir. Von der Haltestelle Gartenstraße gehe ich die 150 m nach links. Die Gartenstraße, das sind Einfamilienhäuser mit handtuchgroßen Vorgärten. Hausnr.18 liegt auf der rechten Straßenseite. Neben der Haustür ein beleuchteter Tannenbaum. Ich lege den Finger auf den Klingelknopf, drücke 2x kurz. Das Summen des Türöffners. Ich drücke gegen die Haustür. Die Stufen hoch, in den ersten Stock; außer Puste, keuchend, nach Luft japsend. Unter der Treppe die Geschenke. Hübsch verpackt, mit Schleifchen und Namensschildern. Hinein in den Sack damit. Innehalten vor der angelehnten Wohnungstür. Einen Moment lauschen: »Fröhliche Weihnacht überall. Tönet durch die Lüfte froher Schall«. Sie erwarten mich; hübsch herausgeputzt, aufgeregt. Kinderaugen strahlen ebenso wie die Kerzen am Baum. Welch eine festliche Stimmung! Und ich, der Weihnachtsmann mache dieses Glück vollkommen. Doch – was ist das? Gerade jetzt, wo es losgehen soll. In meiner Kehle rottet sich ein Kloß zusammen. Ein richtig fetter Kloß! Ein fetter, schleimiger Kloß. Mein Kopf läuft hochrot an. Mir wird heiß. Ich möchte die Mütze vom Kopf reißen. Greife mir stattdessen an die Kehle. Schlucke verzweifelt, krächze tief aus dem Rachen. Vergeblich. Die Stimme will mir nicht gehorchen. Alles, was aus dem Mund gleitet, ist ein mühseliges, unbeholfenes Stöhnen. Einzelne Laute, die keinen Sinn ergeben. Ich bin der Weihnachtsmann. Ein Weihnachtsmann mit einem Kloß im Hals. Ein Weihnachtsmann, der nach Fassung ringt. Ich schaue mich um. Zerre dann hastig eine Dose Cola aus meiner Manteltasche. Reiße die Lasche hoch, stürze die Dose an die Lippen. Der Magen schäumt, brennt höllisch. Ich räuspere mich, räuspere mich erneut. Doch der Kloß ist halsstarrig, will nicht weichen. Nein, nicht einen Millimeter. Schweiß steht mir auf dem Rücken. Rinnt hinab, rinnt mir in die Unterhose. Ruhig, ganz ruhig – es wird gleich wieder. Nur ruhig bleiben. Wie eine Litanei bete ich diese Sätze herab. Ich setze die Dose erneut an. Schlucke, schlucke, schlucke noch einmal – dann ist der Spuk plötzlich vorbei. Ich nehme den Sack auf, straffe die Schultern. Leise fällt die Wohnungstür hinter mir ins Schloss. Höchste Zeit. Für einen kurzen Moment ist mir als wäre die Luft voll Musik: »Fröhliche Weihnacht überall. Tönet durch die Lüfte froher Schall«.
