Die Zeit rannte. Und ich mit hängender Zunge hinterher. Fünf Wörter auf einem Zettel, für eine Geschichte. Eine Geschichte von Menschenwürde, Blut, Fötus, Puppe, Krückstock. Ich starrte auf diesen Zettel, ließ die Wörter nacheinander durch meinen Kopf laufen bis er schmerzte. Nahm jedes Wort einzeln in die Hand, wendete sie hin und her, zerlegte sie in Silben. Jedes enthielt eine Bedeutung, eine Aufgabe, hätte die Chance, Bestandteil eines herausragenden Satzes zu werden. Nur, mir schien, für mich erfand diese Wörterliste keinen Sinn. Unter einem Mond, kalt und ungerührt schaute er auf mich herab, saß ich vor meinem Papier.
Wie genau es dazu kam weiß ich nicht mehr. Ich will hier nicht von Eingebung oder Magie reden. Jedenfalls verbandelte sich meine Fantasie mit dem Schachspiel auf der Fensterbank. Helle und dunkle Quadrate eingehegt in einen ebenso dunklen Rand, schlichte Figuren, alles aus Walnussbaumholz – ein zeitloses Ensemble. Es stand dort seit Wochen unberührt. Ich besetzte das Spielbrett mit fünf Figuren, drei schwarze und zwei weiße. Oder war es umgekehrt? Ein Spiel um Strategie und Taktik, vorausschauend die Gedanken des Gegners erahnend. Ich strapazierte meine Vorstellungskraft. Mal war ich Läufer, mal Dame, mal Turm. Der schwarze König mit dem Rücken zur Wand, erbot sich, seinen Läufer in die Bresche zu schicken, ihn der weißen Dame zum Fraß vorzuwerfen. Natürlich nur mit der Absicht, diese dann selber zu verschlingen. Dem weißen König bliebe nur noch, seinen Turm in die Unendlichkeit seiner Umlaufbahnen hin und her zu schieben. Ich tauschte die Figuren, Turm gegen Pferd, Bauer gegen Pferd, Läufer statt Turm, schwarz oder weiß, schob erneut hin und her. Immer bereit, meinen König zu schützen und immer die fünf Begriffe im Sinn. Fiktive Situationen in abenteuerlichen Aufstellungen, ein Albtraum für jeden halbwegs gebildeten Schachspieler; absurd, abseits jeglicher Realität. Ob Überfall aus dem Hinterhalt, Befreiungsschlag, Handgemenge – wo griff die Falle? Der Auftrag verwandelte sich in eine Forderung, die mich wie ein Schaf vor dem Wolf daher trieb. Mehr als verzwickte Situationen konnte ich dem Spiel nicht entlocken. Ein Ringen ohne Erfolg.
Ich überdachte meine Möglichkeiten in dieser quadratischen Felderwirtschaft. Und begriff, dass es sinnlos war. Aufgeben in einer ausweglosen Partie käme einem Akt der Selbstfürsorge gleich heißt es. Es ginge dann nur darum, zu erkennen, wann für bestimmte Situationen die passende Schlussfolgerung zu ziehen wäre. Mir war, als würde das Brett mir zurufen: Lass es. Du hast dich komplett verirrt. Das Schachbrett jedenfalls steht wieder auf der Fensterband. Ein Schmuckstück für kompetente Spieler.
