
Es hatte den ganzen Tag geregnet. Typisches Novemberwetter. Gut für einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher. Mit schnellen Schritten durchquerte Ada spätabends den Park. Eine Straßenlaterne entwarf zittrige Schatten in den überlaufenden Wasserlachen. Vom Containerhafen trug der Wind den Lärm über die Elbe. Ada war guter Dinge. Noch wenige Minuten, dann würde sie die Tür ihres Hauses hinter sich zuziehen können.
An der Treppe zum Schopenhauerweg ein kurzes Innehalten. Die glatt getretenen Steine erschienen ihr bei der Nässe recht beschwerlich. Ihre Augen flogen nach rechts und links. Außer ihr war hier anscheinend niemand mehr unterwegs. Auf halber Höhe des Treppenweges rang sie nach Luft; dort, wo sie nach rechts in den Heckenweg abbiegen mußte. Ein stechender Schmerz zog durch die Hüfte in das rechte Bein. Für einen Moment stützte sie sich heftig keuchend an einer Bank ab. War da nicht eine Bewegung, etwas wie eine Silhouette? Witternd zog sie einen Atemzug durch die Nase, ähnlich einem Hasen auf der Flucht. Der Wind jagte aufgeregt im undurchsichtigen Gebüsch. Peitschte einen Zweig über ihren Arm. Adas Kopf wurde heiß. Hektisch riss an sie ihrem Schal, öffnete den obersten Mantelknopf. Den Schirm in ihrer Rechten umklammerte sie mit festem Griff. Vorsichtig tasteten ihre Füße über den glitschigen Untergrund. Oben von der Elbchaussee kam das Gellen eines Martinshorn näher, erstarb abrupt. Ada horchte, beschleunigte dann ihr Tempo. Nur keine Zeit verlieren. Das Leben musste endlich wieder normal werden.
Das Haus lag still in der Dunkelheit. Vor neugierigen Blicken beschützt durch Rhododendren sowie mehreren alten Eichen. Eine stürmische Böe zerrte an Adas Schirm, als sie sich der Gartenpforte näherte. Von dort konnte sie das Aufflackern des Fernsehers im Wohnzimmerfenster sehen. Ein schwacher Lichtkegel fiel auf die Terrasse. Das werden schon die Spätnachrichten sein, überlegte Ada. Ja, diese Zeitschaltuhr, eine gute Idee, dachte sie noch, als in der Küche eine Lampe aufleuchtete. Sie huschte zum rückwärtigen Eingang. Darauf bedacht, keinen Lärm zu verursachen. Leise drehte der Schlüssel das Schloss. Geschafft. Aufatmend lehnte sie ihren Rücken an das kühle Holz. Streifte die Stiefeletten von den Füßen. Entsetzt bemerkte sie dabei das schlammverkrustete Leder. Ihre Lieblingsschuhe; total verdreckt! Etwas wie Ärger stieß in ihr hoch. Behutsam entfernte sie die Spuren ihres Spazierganges. Polierte das Leder dann auf Hochglanz. Nichts für Schlechtwetter, führte sie ihr Selbstgespräch weiter. Aber Wanderstiefel für einen Abend im Schauspielhaus? Bei dieser Vorstellung konnte sie sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Auf dem Tischchen neben der Garderobe lag, wie nachlässig hingeworfen, ihre geöffnete Handtasche. Sie griff nach der Theaterkarte, die herausgefallen war. „Der eigene Tod“, von dem faszinierenden Autor Péter Nádas. Der große Ungar wußte, warum er dieses Stück verfasst hatte. Eine gute Wahl. Henry, das Stück hätte dir auch gefallen. Schluß damit, unterbrach Ada ihre Gedanken, rief sich zur Ordnung. Keine Zeit zur Überheblichkeit.
Auf dein Wohl, Henry, prostete Ada dem Portrait über ihrem Schreibtisch zu. Der angesprochene, eingezwängt in den goldfarbenen Rahmen, rührte sich nicht. Wie sollte er auch. Seit Henrys überstürzten Auszug trafen sie sich nur noch in den Büroräumen der Firma. Zufrieden betrachtete Ada das Glas in ihrer Hand. Der Rotwein schimmerte rubinrot. Sie richtete sich in ihrem Sessel auf. Straffte die Schultern, bevor sie in ihrem Selbstgespräch fortfuhr. Henry, wie du mich anschaust! Dieser Blick! Und dein weiches Haar. Ja, wir beide hatten Stil und – wir waren großzügig. Sahen über die Eskapaden des anderen hinweg. Bis, ja, bis diese Sonja auftauchte. Große Liebe. In deinem Alter. Was für ein Quatsch! Führtest du dich auf wie ein Idiot! Dabei interessierte die sich nur für Geld. Aber sorge dich nicht, sie wird sich schnell trösten.
Kalte Wut stieg in Ada hoch. Wut darüber, dass Henry sie verlassen hatte. Und Wut über seine unverschämten Forderungen. Hast du wirklich geglaubt, Henry, ich setze meine Unterschrift unter dieses Schundwerk von Vertrag? Du willst die Hälfte der Firmenanteile? Und die Palmaille – nur weil du die dortige Wohnung nutzt? Ich lasse mich nicht zum Gespött der Stadt machen. Meine Firma hat Inflation und Weltkriege, Börsenabstürze und nicht zuletzt der Konkurrenz aus Asien überstanden. Nein, diese Firma wird auch dich überstehen. Hier stelle ich die Bedingungen. Ada schenkte nach. Was starrst du so? Denkst du, ich wäre völlig durchgeknallt? Contenance, wie mein Vater immer zu sagen pflegte. In jeglicher Hinsicht. Ich denke, du wirst zurück sein von deinem Herrenabend. Hast das Schreiben meines Anwalts gelesen. Dich aufgeregt, dass für eine Abfindung nichts übrig bleibt? Ich sehe es direkt vor mir. Aufregung ist Gift für dein krankes Herz. Tja, man gerät leicht in Panik, wenn die Medikamente nicht an ihrem Platz liegen. Das Asthmaspray auf den Boden gefallen ist. Der Reserveschlüssel für die Wohnung liegt nun für immer auf dem Grund des Fleets. Du meinst, die Polizei wird nachforschen? Glaub mir, sie wird keinen Verdacht hegen. Henry, du hättest besser auf deine Gesundheit achten sollen.
Ada legte die Zeitschaltuhr zurück in die Verpackung. Trug das benutzte Glas in die Küche und löschte das Licht. Draußen setzte erneut der Regen ein. Es war ein ganz normaler Tag.
