Die Halskette oder der schöne Schein

Die Wochen nach Alberts Unfall lagen so unglaublich surreal in meiner Seele. Nachts fand ich keine Ruhe. Wälzte mich auf der Matratze hin und her, schob die Decke zur Seite, um sie gleich darauf bis an den Hals zu ziehen. Hochgeschreckt aus einem Sekundenschlaf, schrie ich lautlos nach Albert. Tasteten meine Hände hektisch nach seinem vertrauten Körper, der doch neben mir liegen sollte. Ruhelos wanderte ich durch alle Räume, starrte auf die Straße. Horchte auf Motorengeräusche in der stillen Nacht, suchte nach Licht in der Dunkelheit. Signale, die Alberts Heimkehr ankündigten. Nächte, die mir suggerierten, ich hätte alles nur geträumt. Träume, denen ich mich auf eine unfassbare Art hingab. Dabei sah ich ständig diese Frau. Eine Frau mit dunklen, in Wellen fallenden Haaren. Glänzend ausgeleuchtet, perfekt gestylt – wie einer Haarpflegewerbung entsprungen. Geschmückt mit einer Perlenkette; so edel schimmernd. Sie trug sie selbstverständlich; als eine große Geste. Ein Auftritt von Schönheit und Selbstversicherung. Es war genau solch eine Kette, wie ich sie mir von Albert erhofft hatte. In meinen Träumen liegen diese Perlen auf meiner Haut. Ich spüre die Männerhände, die mich damit schmücken, in meinem Nacken. Meine Freundin Hanna würde wohl sagen, man könne all dieses Fantasieren auch Wunschdenken nennen.

Die Geschichten des Lebens verändern sich im Lauf der Jahre durch ständiges Neuerzählen. Das, was nicht geschah, muss erfunden werden, um die Sehnsucht danach zu lindern. Ehemals wichtige Bestandteile versinken, schaffen stattdessen Platz für scheinbar bedeutendere Ereignisse. Habe ich das erlebt? Ist es wirklich passiert? Etwas künstlich neu erschaffen, weil sich die Wirklichkeit nicht leben lässt

Mich trieb der Wunsch nach Wahrheit, redete ich mir ein. Eine Heimsuchung, in der ich mir Fragen stellte und passende Antworten zurecht legte. Oder ich mich in fiktiven Gesprächen mit Albert auseinander setzet, ihn mit Fragen, Beweisen, Indizien konfrontierte. Hinterfragen, sich auflehnen gegen die Realität, ohne meine heile Welt ins Wanken zu bringen. Meine Wahrheit – und träumte dabei, erinnerungsträchtig, von einer erträglicheren Welt.

Ein Rückblick: Unsere gemeinsame Geschichte ist schnell erzählt. Wir kannten uns flüchtig, vom Sehen. Bei einer Veranstaltung an der Uni funkte es. Heirat, Kinder; es war keine Frage, dass ich zuhause bleiben würde. Albert machte Karriere. Ich hatte, wovon ich träumte. Ein gutes Leben. Albert und ich führten eine intakte Beziehung, benötigten keine Geheimnisse voreinander. Glaubte ich – bis dahin. Aber seine persönliche Sachen aus dem Auto gereichten für einen Stoff, aus dem gewöhnlich Affären gestrickt werden. Eine Geschichte von Heimlichtuerei und einer abgenutzten Beziehung. Das galt bislang nur für andere Paare. Nicht für uns. So dachte ich, bis zu diesem entsetzlichen Geschehen. Der Lkw-Fahrer mußte ihn beim Ausscheren übersehen haben. Auf der Autobahn, kurz vor Berlin. Der Unfall zerstörte sein Leben und auch meins.  Schweres Schädelhirntrauma, irreversible Verletzungen. 14 Tage Koma, aufrecht erhalten durch Maschinen. Die Ärzte erklärten die Fakten. Sprachen von loslassen, weil keine Hoffnung mehr. Albert konnte dazu nichts sagen. Ich nickte, und unterschrieb. Die flackernden Kerzen in der Kapelle, neben der Urne – brannten sich in mein Gedächtnis ein. Und der Anblick dieser Frau mit der Perlenkette!

Ein Schockzustand. Die kommenden Tage verbrachte ich von Nebel umgeben: Albert auf dem Heimweg von einem Klassentreffen in Berlin. Ein ausgelassenes Wochenende mit Freunden. Seine persönlichen Sachen, eine hastig gepackte Reisetasche, Sportschuhe, neben sich Wasserflasche und zerknüllte Brötchentüte. Nichts Außergewöhnliches. Doch die umherflatternden Einkaufsbelege, die man mir nach dem Unfall überreichten, wollten mir etwas anderes einreden. Jetzt zog eine Frage ihre Runden durch meinen Kopf: Wo hatte Albert das Wochenende  wirklich verbracht? Berlin, die jährliche Verabredung mit ehemaligen Schulfreunden, war es sicher nicht. Der Ort des Unfalls passte nicht zu seiner Route. Zudem das merkwürde Verhalten von Hanno, einer dieser Schulfreunde. Ich hatte ihn angerufen. Erhielt statt Aufklärung eine merkwürdige Verlegenheit. Ein unmöglicher Verdacht stieg auf. Was wäre, wenn? Und mit wem? Alles lief auf eine Affäre hinaus. Und die Ehefrau erfuhr durch einen hässlichen Zufall davon. Eine Erkenntnis wie ein Schlag. Ich begann, in der Vergangenheit zu wühlen, wie die Protagonistin in einem kitschigen Liebesroman.

Es gab vor zwei, drei Jahren mal eine Kollegin, Uta. Sie mochte Albert. Und Albert mochte sie. Er flog auf ihre Art. Ich mochte Uta nicht. Sie gab mir ein Gefühl von Unterlegenheit. Dann hieß es, sie hätte den Job gewechselt, sei fortgezogen. In eine andere Stadt, eine bessere Stellung. Diese Uta drückte mir ihre Trauer aus. Obwohl wir uns Jahre nicht gesehen hatten. Stand sie doch noch in Verbindung mit Albert? Uta? Albert und Uta? In Alberts Sachen fanden sich Dinge, die mich erschreckten. Albert hinterließ nicht nur unser gemeinsames Leben. Er hinterließ mir auch einen Nachlass aus seinem anderen Leben. Wie die verschiedene Quittungen von dem Wochenende, als ich ihn in Berlin glaubte. Kreditkarten-Abrechnungen, alles von Albert quittiert. In Wismar. Kauf von Schmuck, bei einem Juwelier an der Seebrücke. Ein Aufenthalt im „Alten Schweden“ – mit seiner Frau. Ich bin seine Frau, oder besser, ich war seine Frau. Und ich, seine Frau, war nicht in Wismar. Weder allein noch zusammen mit Albert. Offensichtliche Belege für mehrere Lügen. Sie rissen mir einen Schleier von den Augen. Erzählten eine Geschichte, die ich nicht wahrhaben wollte. Lähmende Stille bereitete sich im Haus aus.

Wochen später. Ein eisiger Wind stand an der Ostsee. Wismar, eine Hafenstadt an der Ostsee, Werft, Schiffbau, eine Hochschule und ein restaurierten Stadtkern. Darin, am Marktplatz, das Hotel „Alter Schwede“. Ich buchte dort ein Zimmer. Jenes Zimmer, in dem Albert, wahrscheinlich mit Uta, die letzte Nacht vor seinem Unfall verbracht hatte. Bei der Nennung meines Namens sah mich der Angestellte an der Rezeption für einen Moment scharf an. Eine Zehntelsekunde Überraschung, gleich danach professionell bis in die gegelten Haarspitzen, schob er die Karte über den Tresen. Zweiter Stock, Blick zum Marktplatz. Beschrieb mir den Weg zum Fahrstuhl. Und ich dachte, ist das moralisch vertretbar? Ein intimer Ort. Hier hatten sie nebeneinander gelegen. Sich geliebt. Mit Champagner angestoßen. Nur, was sollte ich sonst tun? Ich nahm mir das Recht, den Menschen zu hinterfragen, denn ich liebte. Ihm zu unterstellen, dass er mich hintergangen hatte. Ein Doppelleben mit einer anderen Person führte. Mit dieser Uta.

Was passiert, mit einem Menschen, der ein anderes Leben beginnt, ohne das alte aufzugeben? Ich lag auf dem Rücken in dem Doppelbett. Starrte die Decke dieses Hotelzimmers an. Als käme von dort oben eine Antwort. Ich war hier nur der Zaungast. Albert hatte etwas bei einer anderen Frau gefunden, dass ich anscheinend nicht besaß. Und dafür schenkte er ihr Perlen. Zuerst glaubte ich, es handele sich um ein Geschenk. Für mich. Mein Herz schlug höher. Doch das leere Etui sprach eine andere Sprache. Albert, warum hast du das getan? Ausgerechnet Uta! Allein der Name! Mir hast du nie Perlen geschenkt. Behauptetest, sie wären altmodisch und – sie würden Unglück bringen. Das habe ich nicht verdient. Du hättest zumindest den Kaufbeleg vernichten können. Mein Mann, der Zocker, spielt die gezinkten Karten Lügengeschichten, Ausreden, Verschweigen, aus. Verrat, schrie es in mir.

Hanna warf mir vor, es bereite mir Vergnügen, mich selbst zu quälen. Ja, ich hielte mich davon ab, mein Leben neu zu organisieren. Hanna verstand nicht, dass ich in Erinnerungen blättern musste. Unklarheiten aufklären, Indizien sammeln, Freunde befragen, persönliche Papiere durchwühlen. Fragen, Fragen und noch mehr Fragen. Wer Antworten will, muss Fragen stellen. Deshalb Wismar und der „Alte Schwede“. Das Zimmer, welches Albert dort buchte. Für sich und seine andere Frau. Hanna hatte dauernd so kluge Sätze: Man kann im Leben nicht davon ausgehen, dass etwas ewig andauert. Als ob ich nicht wüsste, dass Albert nicht mehr der Albert war, in den ich mich als junge Frau verliebt hatte. Natürlich, die Schnappschüsse aus unserem Leben waren Momentaufnahmen. Ausnahmezustände, von denen man nicht erwarten kann, dass sie ewig dauern. Ebenso, wie sich als das große Los am Arm eines Jemand wahrnehmen. Ein jemand mit Namen Albert. Daran festhalten darf ich mich trotzdem. Und wenn wir uns für die anderen schön machten, strahlten wir doch beharrlich weiter Zuversicht aus. Vielleicht übersahen wir dabei, wie wir alterten. Von einer absurden Jahreszahl zur nächsten. Die anderen machten es genauso. Deshalb waren wir keine Paare mit Verfallsdatum. Ein Paar von hinten zu betrachten, ist nicht gleichbedeutend mit Entsagung oder Abschied.

Damals überlegte ich nicht, was ich mit den Antworten anfangen würde. Ob ich sie aushalten konnte. Ich war nicht darauf gefasst, wie sie meinem Leben den Prozess machten. Meine forschenden Blicke zu anderen Paaren. Dieser Neid! Wem konnte ich noch vertrauen? Dieses Gefühl, Opfer zu sein. Ich fühlte mich klein und jämmerlich. Eine Randfigur im Abseits des Lebens. Der Blick auf die dunkle Seite des Mondes brachte meinen Kopf durcheinander. Bilder und Worte deformierten meine Erinnerungen. Bilder, die ich früher nicht sah. Worte, die ich nicht wahrnahm.

Am Ende wollte ich nicht verloren gehen. In mir tobten unbändiger Zorn und Enttäuschung! Stürzten sich auf diese Frau. Die Andere an Alberts Grab. Uta. Schäumend vor Wut, schrie ich sie an! Beschimpfte sie, schlug auf sie ein. Riss ihr die Perlenkette vom Hals. Sah die weißen Kugeln über den Boden rollten. Unter das Sofa, in die Ritzendes Holzfußbodens. Fand meine Genugtuung in den  klackernden Geräuschen. Beschuldigte sie, meine Ehe zerstört haben zu wollen. Alles nur Berechnung. Albert hätte mich niemals verlassen. Denn, Liebe war es ganz sicher nicht. Nein, eine Liebe zu Albert kam in meinen Bildern nicht vor. Hanna, meiner zweiten Seele, erzählte ich nichts von diesen Fantasien. Sie hätte Sätze gesagt wie, hör auf, dich weiter zu quälen. Sieh eure Beziehung als ein verblassendes Foto, dass nicht in Vergessenheit gerät.

In meinem Schreibtisch, verborgen hinter einem Stapel Briefen, liegt das Etui aus dem Autowrack. Es ist schon etwas abgegriffen. Wenn ich aus diesen Albträumen hochschrecke, hole ich es hervor. Darinnen liegt eine Kette mit unregelmäßigen, weißen Perlen. Ein Geschenk, dass ich mir selbst bereitete. Nicht von dem Wert, den Albert für Utas Kette investierte. Es beruhigt mich, sie durch meine Hand laufen zu lassen. Jede einzelne Perle. Eine Erinnerung an das, was hätte sein können. Allein sie zu haben, entschädigt für vieles. Dann scheint es mir, als schwebe Albert noch irgendwo da draußen. Er hat mich nicht verlassen.

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