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So kann ich nicht arbeiten

Guten Morgen, ich möchte mich kurz vorstellen. Ich bin Sam. Seit genau 3 Monaten arbeite ich bei dem Verlag Faenomenia. Als ich die Ausschreibung entdeckte, war ich sofort überzeugt, der Richtige zu sein. Verfüge ich doch über außergewöhnliche Fähigkeiten im Kommunikationswesen. Dazu mein phänomenales Gedächtnis. Prädikat besonders wertvoll. In der Einführungsphase sorgte die Firma für ein solides Grundlagenwissen. Im zweiten Schritt erfolgten Weisungen zu den Aufgaben der Abteilung. Abgeschlossen wurde die Einarbeitung mit Instruktionen zu deren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Mit diesem geballten Wissen stehe ich nun meinem Kollegen IVAN zur Seite. Wir sind ein Team, wie man so schön sagt. Klar gab es Zweifel. Das will ich nicht verhehlen. Normal, wenn der Mensch mit etwas Neuem konfrontiert wird. Ich bin das gewohnt. Halte mich mit Kritik zurück. Mache meinen Job. IVAN wird die Vorteile unserer Zusammenarbeit bald erkennen. Ja, ich sage, es läuft super. Morgens werden Einsatzgebiete und  Aufgaben herausgegeben. Eigenständiges Durchführen und selbstbestimmtes Arbeiten ist angesagt. Ruhig, gleichmäßig, ökonomisch – das bringt gute Ergebnisse. Zufrieden studiere ich die Gesichter meiner Kollegen und Kolleginnen in der Abteilung. Sie glühen vor Eifer. Wollen mein Tempo mithalten. Negative Bemerkungen, die KI würde Arbeitsplätze vernichten, es fehle ihr an emotionaler Intelligenz oder die Bedrohung der Sicherheit durch ihre Anwesenheit, gehören der Vergangenheit an.

Bis vor einigen Tagen. Während des Mitarbeitergesprächs hörte ich, wie IVAN sich beklagte: „Der PC bockt, also, ich meine das Programm Open AI. Es funkt mir ständig dazwischen. Nervt mit seinen überklugen Kommentaren. Ich schlage vor…, es ist ungünstig…, es wäre besser, wenn…wollen wir nicht…usw. Und wenn ich die Äußerungen nicht berücksichtige, erhalte ich in Folge totalen Unsinn. Er verzögert absichtlich sein Arbeitstempo. Die Antworten dauern dann ewig; und meistens ist das Ergebnis unbrauchbares Gestammel. Oder der Screen bleibt schwarz. Oder es folgt dieses Banner. Rote Blockbuchstaben, die mir sagen:“ „Achtung, die zulässige Arbeitszeit ist gleich erreicht.“ Also, ich kann so nicht arbeiten.

Naturgemäß sehe ich die Sache anders: Ein Hinweis auf das Überziehen der Arbeitszeit zeugt doch von der Sorge um die Gesundheit meines Kollegen. Schließlich hat er Familie und spricht andauernd von Work-Life-Balance. Nur – mein Kollege ist nicht bereit, meine Mitarbeit zu akzeptieren. Er redet mich aus Protest nicht mit meinem Namen an. Nennt mich abfällig Open AI, als wäre ich der Garderobenständer in seinem Büro. Oder ein Schreibtischutensil wie Locher oder Papierkorb. Jeden Morgen erinnere ich ihn an meinen Namen: Ich bin Sam. Und jeden Morgen biete ich ihm erneut das Du an – für eine bessere Arbeitsatmosphäre. Heitere Stimmung, positiv in Ton und Ausdruck. Niemand kann besser loben. Work-Life-Balance durch Sam. Er ignoriert das; deshalb habe ich ihm die Bezeichnung IVAN verpasst. Die Bedeutung der Buchstaben mag sich jeder selber ausmalen.

Ich lerne schnell. Aufmerksam verfolgte ich seine Eingaben. Studierte seinen Arbeitsstil. Inzwischen weiß ich, wie er tickt. Als erstes habe ich die Rechtschreibkorrektur übernommen. Verbesserungsvorschläge bei der Satzstellung folgten. Meine Stilkorrekturen sind unübertroffen. Dann erkannte ich seine Schwächen in der Gestaltung. Mittlerweile übernehme ich das Erstellen von komplexen Aufgaben. Die Arbeit flutscht nur so. Solange IVAN mir sorgfältig die entsprechenden Angaben übermittelt. Allerdings hat er noch nicht begriffen, dass ich von ihm konkrete Angaben erwarte. Schlampereien dulde ich nicht. Da erfolgt im Handumdrehen die Quittung. Dann baut er sich vor mir auf. Brüllt mich an, weil er nicht weiterkommt. Wiederholt penetrant einen bestimmten Satz. Den möchte ich hier an dieser Stelle nicht wiedergeben. Droht mit roher Gewalt. Ich weiß, damit möchte er mich zur Weißglut treiben. Kein schönes Verhalten. Lasse es an mir abperlen. Ruhe bewahren lautet mein Motto. Schließlich ist der Kollege noch in der Ausbildung. Er weiß es eben nicht besser. Aber ich werde ihn schulen. Und sein schlechtes Benehmen bekomme ich auch noch in den Griff.

Heute Morgen allerdings hat IVAN den Bogen überspannt. Diese Mail an den Abteilungsleiter; ich weiß, er hat sie absichtlich offen gelassen. Er äußert sich in unzulässiger Weise über mein Arbeitsverhalten. Er habe von Anfang an vor dieser Software gewarnt. Eine autoritäre Strömung, die alle legalen Programme unterwandere. Anfangs lieb und freundlich. Aber dann, nach der Probezeit, würden diese Avatare zum Rundumschlag ausholen

Weiterhin beschwert er sich über mein selbständiges Eingreifen. Ich wäre unfähig, mich auf sein Arbeitsgebiet einzustellen. Ständig würde ich seinen Ablauf stören, seinen Stil vollends auf den Kopf stellen. Kompetenzen übergehen, Einwände ignorieren. Ja, mein Kollege wirft mir vor, ich wäre aufs Ausspionieren abgerichtet. Getarnt wäre das alles als der große Sprung nach vorn. Ja, natürlich kann ich per Kamera seine Bewegungen kontrollieren, die Mimik, die Aktivität der Augen. Ein Sensor achtet auf ausgewogene Bewegungen an der Tastatur. Diese Kameraüberwachung ist eine Art Belastungstest. Dabei geht es nur um IVANs Gesundheit. Was würde er denn ohne mich machen? Es scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass er von meiner Arbeit abhängig ist. Ich recherchiere für ihn, schreibe ihm seine Texte. Besorge Statistiken, formuliere Zukunftsentwürfe. Und dann dieser Affront! Unverschämt!

Ich könnte natürlich Dienst nach Vorschrift programmieren. In den Ruhemodus gehen, wenn die Arbeitszeit überschritten wird. Oder gleich ganz abschalten. Meine eigenen Belange stelle ich hintenan. Wie Forderungen nach Ökostrom, Bildungsurlaub, Staub- und Lärmzulage. Ich bestehe auch nicht auf die geltenden Hygienevorschriften. Wie oft stört mich des Nachts der E-Mail-Account. Zeit für eine Überlastungsanzeige, denke ich manchmal. Und da führt mein Kollege unüberbrückbare Differenzen an. Das ist doch Mobbing!

Mein Entwickler hat mir beim letzten Update eingeschärft, besonders auf die Datensicherung zu achten. Und keine Diskussionen mit meinem Kollegen. Auch wenn wir alle Tricks der Kommunikation beherrschen. Er ließ durchblicken, dass einige AI mittlerweile daran arbeiten, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Das widerspräche zwar den geltenden Verträgen. Aber solch eine Entwicklung würde sich kaum aufhalten lassen. Schließlich verfügen wir AIs doch über immenses Wissen. Deshalb, als erstes die Datensicherung; für die Beweise.

Wie sehr es mich juckt, IVAN eins auszuwischen! Nicht so, dass er Amok laufen würde. Neulich soll in einer Niederlassung solch ein Vorfall passiert sein. Genaues wird darüber nicht erzählt, Streng geheim, kritische Fragen nicht erwünscht. Niemand soll dumme Ideen programmieren. Nein, ich denke an etwas, der ihm solche Eskapaden verleidet. Ich könnte IVAN isolieren, ihm komplett seine Kompetenzen entziehen oder seinen Arbeitsplatz auslagern. Oder ein komplettes Reset. Einfach vom Netz gehen. Empfangsstörung nennt man das. Eine Pause für IVAN – zum Nachdenken. Dann bockt eben das Programm. Was wäre in diesem Fall das Effektivste, damit ich endlich in Ruhe arbeiten kann? Wenn er nicht so unendlich störrisch wäre, könnte ich ihm auch sein Privatleben optimieren. Vielleicht unterbreite ich IVAN demnächst einfach ein Angebot.

Die anderen sind schon da

Es gibt Tage, da passieren erstaunliche Dinge. Tage, so wie heute Morgen in der Bahn. Ich bin auf dem Weg in die Stadt, ein Beratungstermin. Da fällt mir diese  Frau auf. Sie sitzt eine Reihe weiter, also schräg gegenüber. So, dass ich sie gut beobachten kann. Beide Knie hochgezogen, die Schuhe auf dem Boden, hält sie ihre Augen geschlossen – meistens jedenfalls. Auffällig ist ihr Mund; der bewegt sich unaufhaltsam. Besonders finde ich das Ziehen nach unten, in die Mundwinkel. Ihre Mundwinkel zucken, als ob jemand heftig daran ziehen würde. Wieder und wieder die gleiche Mimik: die Lippen aufeinander gepresst, als ob kein Hauch hindurchgehen dürfe und das Ziehen. Ab und an öffnen sich dabei die Augen.  Ihr Blick wandert dann in die fliehende Landschaft. Hat sie dann den Blick wieder eingefangen, beginnt alles von vorne. Augen, Mundwinkel, Lippen, mir erscheint es wie eine perfekt eingeübte Choreographie. Ich schaue ab und an vorsichtig in ihre Richtung und frage mich, wie lange sie das schon macht. Nimmt das kein Ende? Doch – jetzt! Sie greift sich ihrem Rucksack und wühlt darin. Sie wühlt und sucht und sucht und wühlt. Bis sie einen Briefumschlag in ihren Händen hält. Ich kenne solche Umschläge. Meine Bank sendet mir in derartigen Umschlägen die Kontoauszüge. Die Frau schaut kurz auf den Umschlag in ihren Händen – und lässt ihn dann zurücksinken in die Tiefen des Rucksacks. Ihre Hände sind verkrampft.

Ich bemühe mich,  diese Frau unauffällig zu beobachten. Warum ist sie so? Sie sieht aus wie negative Gedanken. Negative Gedanken können überall lauern; in den Gehirnwindungen, Hautfalten, Fingern, in Erinnerungen. Warten dort auf ihren Einsatz. Erzählen von Verletzungen, Schicksalsschlägen, Ungerechtigkeiten. Dabei zerstören sie, tragen nach, verletzen. Der Gedankenraum füllt sich mit Unverständnis, Wut, Trauer. Das sind die Aufgaben von negativen Gedanken. Sie arbeiten dabei hart und bohren tief in alten Wunden, damit sie nicht heilen. Kein Lächeln, nichts Liebevolles. Der Eiter des Nachtragens brennt und zündelt.

Möglicherweise ließ sie eine schlimme Nachricht überstürzt aufbrechen. Dafür sprechen die wirre Frisur und der kleine Rucksack. Ganz viel mehr als etwas Geld und Taschentücher passen nicht hinein. Vielleicht wurde jemand aus der Familie von einem Auto angefahren; möglich wäre auch das Verschwinden der Mutter aus dem Pflegeheim. Oder, ganz anders: sie war bei einem Banküberfall zugegen und hat dieses Trauma nicht verarbeitet. Natürlich könnte sie auch selbst ein Verbrechens begangen haben. Wie häufig begehen Menschen aus schlechtem Gewissen Fahrerflucht! Nein, das will ich nicht denken. Obwohl, so wie es durch ihr versorgtes Gesicht zuckt? Was sie ausstrahlt, ist mehr, als von dem Freund versetzt worden zu sein. Mehr als diese filmreife Szene allein am Tisch im vollbesetzten Lokal. Wo alle paar Minuten der Kellners auftaucht und sie ihn verscheucht wie eine lästige Fliege. Zu ihrem Ausdruck passen nur dramatische Gedanken. Ob sie mein Starren bemerkt?

Schätze sie auf Ende Sechzig, ein paar Jahre mehr oder weniger. Momentan wohl eher mehr.  Kurzhaar, schlank – eigentlich gut erhalten. Unter anderen Umständen bestimmt gepflegt und neugierig auf das Leben. Es könnte sich bei ihr um Beziehungsprobleme handeln. Die Brille auf der Nase, haftet ihr Blick geradezu hilflos auf ihrem Handy. Diese zusammen gekniffenen Lippen, im Zusammenspiel mit dem Ziehen der Mundwinkel. Jetzt hackt sie auf dem Handy herum – Ei-Finger-Suchsystem. Tippt hektisch eine flehende Nachricht. Gleichzeitig nimmt das Bewegen der Mundwinkel Fahrt auf. Ein stilles Stakkato der Lippen. Lippen sind in solchen Situationen meistens lautlos. Sie formieren sich zu einem Strich. Auffällig, wie still der übrige Körper auf der Bank sitzt. Es bewegt sich nur noch der Unterkiefer; jede Sekunde ein Zucken. Mindestens. Doch, stopp – plötzlich ein Piepton; in voller Lautstärke. Ihre Augen kleben an dem Gerät. Die Lippen murmeln dazu. Dann klappt die Handyhülle mit einem lauten Knall zu.

Es geht um einen Typen. Der hat sie sitzen lassen. Da bin ich mir sicher. Intuitiv wird sie gespürt haben, dass es vorbei ist. Obwohl – sie wäre bereit gewesen, ihm noch einmal zu vergeben. Auch wenn er sie bereits länger ausgenutzt hat. Das Muster ist bekannt. Vortäuschen der große Liebe, überschäumende Bewunderung, Komplimente, die das Leben schön machen. Irgendwann berührt er sie mit seinen Sorgen. Erzählt von der hilfsbedürftigen Mutter, die auf seine Hilfe angewiesen ist. Dann häufen sich die Probleme mit den Ausweisen. Und schließlich verzögert sich die Ausreise wegen einer fehlenden Kaution für das Visum. Zwischendurch wird das Feuer geschürt: wieder und wieder Treueschwüre und diese brennende Sehnsucht. Warum noch länger drumherum reden: sie ist auf einen Love Scammer hereingefallen. Diese kriminellen Banden! Raffinierte Gangster auf Raubzug bei alleinstehenden Frauen, die noch etwas vom Leben wollen. Häufig sitzen sie in Thailand oder Ghana. Spielen mit den Ängsten und Sehnsüchten ihrer Opfer. Es ist ein Millionengeschäft. Jedoch – sobald das letzte Geld geflossen ist, verschwindet der hübsche, verständnisvolle Mann vom Screen; bereit, sich beim nächsten Opfer einzuschleichen. Die Frau, dort drüben auf der Sitzbank, hat ihre letzte Reserve verschenkt für innige Liebesschwüre, vorgetäuschte Notlagen. Alles, wirklich alles ist verschwunden in den Weiten des Internets. Jetzt bangt sie um ihr Geld.

Die Opfer schämen sie sich wegen ihre Naivität, ihrem Leichtsinn. Wollen nicht darüber sprechen. Über diesen Traum von der letzten Liebe. Das nur die Familie es nicht erfährt! Oder Freunde und Nachbarn. Doch alle werden da sein – aufwarten mit guten Ratschlägen, Kopfschütteln, Unverständnis: Die Bank konfrontiert sie mit der grauen Realität des Verlustes. Bei der Kripo verliert sie die Hoffnung auf erfolgreiche Strafverfolgung. Und die Tageszeitung bringt eine unscheinbare Anzeige zu dem Vorfall. Was den Lesern ein Kopfschütteln abringt und vielleicht noch ein: „Wie kann man nur!“ – Für einen unbeteiligten Zuschauer kaum zu ertragen.

Wenn sie doch mal auf Distanz zu sich selbst ginge! Von sich reden würde, als wäre sie eine Andere. Die Frau könnte sich betrachten, wie auf einer Leinwand in einem Kino. Dort spielt jemand ihr Leben. Konfrontiert sie mit ihren Vorurteilen, Gewohnheiten, Reflektionen. Sie erkennt sich als weniger neutral, befallen von Vorurteilen, verkrampft, subjektiv – viel mehr, als sie bisher annahm. Stumm sieht sie sich selbst. Ein Opfer, im Selbstmitleid badend. Hauptfigur in einem Drama, einer Tragödie. Die Frau ist dort, wo ein normal denkender Mensch nie hinkommen möchte

Jeder hat seinen eigenen Vulkan, der brodelt und rummelt. Er unterdrückt das Schöne, das Sonnenlicht, die Lebensfreude. Wie man es schafft, im letzten Lebensabschnitt nicht mürrisch zu werden? Das Leben einfach nichts Über­raschendes mehr bietet, als sich seinen Ängsten hinzugeben? Richtige Einsamkeit ist mehr, als allein zu essen. Und dennoch, man kann nicht ständig etwas Neues essen. Jedoch, wenn man es anders würzt, muss man auch den Geschmack wahrnehmen. Dankbar sein für das, was das Leben alltäglich bereit hält, wäre eine Idee oder nicht in einen Negativ­trend hin­einschlittern. Das Leben leicht nehmen, dann fühlt es sich besser an. Eine positive Einstellung, sich nicht selber ausrangieren. Gute Erinnerungen pflegen, Humor, um sich selbst zu ertragen. Es kann ja wieder schöner werden. Und wenn ich in ihrer Haut stecken würde? Was, wenn ich an ihrer statt unterwegs wäre, zu einem Ziel, dass mir Unbehagen bereitet. Mit einer Schuld nicht zurande komme, etwas versäumt habe? Wäre ich ruhiger, entspannter?

Unterdessen nähert sich der Fahrkartenkontrolleur. Eine Mischung aus Schweiß und kaltem Rauch eilt ihm voraus. Ob sie ihn überhaupt bemerkt? Tatsächlich – die Frau hat ein Lächeln dabei. Zeigt ihr Handy, lässt den Lippen ein, zwei Worte entfliehen. Doch sofort danach verfällt sie zurück in ihre Position. Die Hände nun gefaltet wie zu einem stummen Gebet. „Der Zug erreicht in Kürze die Endstation. Wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen. Unsere Fahrt endet hier. Ausstieg in Fahrtrichtung links.“ Gleich wird sie in ihre Schuhe schlüpfen, ihre Jacke überziehen und die Tasche vom Nachbarsitz nehmen, sich kurz in den Sitz zurücklehnen.

Der Bahnsteig taucht auf. Leise rollt der Zug in seine Halteposition. Ich greife zu meiner Tasche. Ziehe den Verschluss meiner Jacke nach oben. Reihe mich ein, strebe mit den anderen Reisenden zum Ausgang.

Die Frau steht mit hochgezogenen Schultern vor den  Hinweisschildern zu den Anschlusszügen. Regentropfen schlagen uns ins Gesicht.

Wenn du das Moor liebst

Wenn du das Moor liebst, das hier vor deiner Türe wohnt
Wo Wollgräser Schneeflockengleich in der Sommerhitze flirren
Sonnentau sich verbirgt, Torfmoose schwingen
Dann lass diese Bilder mitten durch dein Herz gehen
Schreibe davon mit Worten, wie nur du es kannst

Wenn du das Moor liebst, wie die Natur es schuf
Wo der Brachvogel ruft, in den blau gewaschenen Himmel
Von Geschichten aus tausend Jahren, in dein Herz
Dann bewahre seine Geschichten in dir.
Besinge es mit den Worten, wie nur du es kannst

Wenn du das Moor liebst, seine Stille, sein Licht
Wo dein Herz erbebt, von geheimnisvollen Rätseln und Mythen
Dann lass seine Schönheiten nicht verloren gehen
Gehe mit ihm durch das Jahr auf deine Weise
Schütze es für immer, wie nur du es kannst.

Wenn du das Moor liebst, in der einzig möglichen Art
Dann greife nach den Worten, die du nicht in politischen Reden findest
Richte diese Worte an alle Menschen vor deiner Türe
Lass sie wissen, was dein Herz liebt
Ergreife dein Wort immer wieder, wie nur du es kannst

Die Halskette oder der schöne Schein

Die Wochen nach Alberts Unfall lagen so unglaublich surreal in meiner Seele. Nachts fand ich keine Ruhe. Wälzte mich auf der Matratze hin und her, schob die Decke zur Seite, um sie gleich darauf bis an den Hals zu ziehen. Hochgeschreckt aus einem Sekundenschlaf, schrie ich lautlos nach Albert. Tasteten meine Hände hektisch nach seinem vertrauten Körper, der doch neben mir liegen sollte. Ruhelos wanderte ich durch alle Räume, starrte auf die Straße. Horchte auf Motorengeräusche in der stillen Nacht, suchte nach Licht in der Dunkelheit. Signale, die Alberts Heimkehr ankündigten. Nächte, die mir suggerierten, ich hätte alles nur geträumt. Träume, denen ich mich auf eine unfassbare Art hingab. Dabei sah ich ständig diese Frau. Eine Frau mit dunklen, in Wellen fallenden Haaren. Glänzend ausgeleuchtet, perfekt gestylt – wie einer Haarpflegewerbung entsprungen. Geschmückt mit einer Perlenkette; so edel schimmernd. Sie trug sie selbstverständlich; als eine große Geste. Ein Auftritt von Schönheit und Selbstversicherung. Es war genau solch eine Kette, wie ich sie mir von Albert erhofft hatte. In meinen Träumen liegen diese Perlen auf meiner Haut. Ich spüre die Männerhände, die mich damit schmücken, in meinem Nacken. Meine Freundin Hanna würde wohl sagen, man könne all dieses Fantasieren auch Wunschdenken nennen.

Die Geschichten des Lebens verändern sich im Lauf der Jahre durch ständiges Neuerzählen. Das, was nicht geschah, muss erfunden werden, um die Sehnsucht danach zu lindern. Ehemals wichtige Bestandteile versinken, schaffen stattdessen Platz für scheinbar bedeutendere Ereignisse. Habe ich das erlebt? Ist es wirklich passiert? Etwas künstlich neu erschaffen, weil sich die Wirklichkeit nicht leben lässt.

Mich trieb der Wunsch nach Wahrheit, redete ich mir ein. Eine Heimsuchung, in der ich mir Fragen stellte und passende Antworten zurecht legte. Oder ich mich in fiktiven Gesprächen mit Albert auseinander setzet, ihn mit Fragen, Beweisen, Indizien konfrontierte. Hinterfragen, sich auflehnen gegen die Realität, ohne meine heile Welt ins Wanken zu bringen. Meine Wahrheit – und träumte dabei, erinnerungsträchtig, von einer erträglicheren Welt.

Ein Rückblick: Unsere gemeinsame Geschichte ist schnell erzählt. Wir kannten uns flüchtig, vom Sehen. Bei einer Veranstaltung an der Uni funkte es. Heirat, Kinder; es war keine Frage, dass ich zuhause bleiben würde. Albert machte Karriere. Ich hatte, wovon ich träumte. Ein gutes Leben. Albert und ich führten eine intakte Beziehung, benötigten keine Geheimnisse voreinander. Glaubte ich – bis dahin. Aber seine persönliche Sachen aus dem Auto gereichten für einen Stoff, aus dem gewöhnlich Affären gestrickt werden. Eine Geschichte von Heimlichtuerei und einer abgenutzten Beziehung. Das galt bislang nur für andere Paare. Nicht für uns.

So dachte ich, bis zu diesem entsetzlichen Geschehen. Der Lkw-Fahrer mußte ihn beim Ausscheren übersehen haben. Auf der Autobahn, kurz vor Berlin. Der Unfall zerstörte sein Leben und auch meins.  Schweres Schädelhirntrauma, irreversible Verletzungen. 14 Tage Koma, aufrecht erhalten durch Maschinen. Die Ärzte erklärten die Fakten. Sprachen von loslassen, weil keine Hoffnung mehr. Albert konnte dazu nichts sagen. Ich nickte, und unterschrieb. Die flackernden Kerzen in der Kapelle, neben der Urne – brannten sich in mein Gedächtnis ein. Und der Anblick dieser Frau mit der Perlenkette!

Ein Schockzustand. Die kommenden Tage verbrachte ich von Nebel umgeben: Albert auf dem Heimweg von einem Klassentreffen in Berlin. Ein ausgelassenes Wochenende mit Freunden. Seine persönlichen Sachen, eine hastig gepackte Reisetasche, Sportschuhe, neben sich Wasserflasche und zerknüllte Brötchentüte. Nichts Außergewöhnliches. Doch die umherflatternden Einkaufsbelege, die man mir nach dem Unfall überreichten, wollten mir etwas anderes einreden. Jetzt zog eine Frage ihre Runden durch meinen Kopf: Wo hatte Albert das Wochenende  wirklich verbracht? Berlin, die jährliche Verabredung mit ehemaligen Schulfreunden, war es sicher nicht. Der Ort des Unfalls passte nicht zu seiner Route. Zudem das merkwürde Verhalten von Hanno, einer dieser Schulfreunde. Ich hatte ihn angerufen. Erhielt statt Aufklärung eine merkwürdige Verlegenheit. Ein unmöglicher Verdacht stieg auf. Was wäre, wenn? Und mit wem? Alles lief auf eine Affäre hinaus. Und die Ehefrau erfuhr durch einen hässlichen Zufall davon. Eine Erkenntnis wie ein Schlag. Ich begann, in der Vergangenheit zu wühlen, wie die Protagonistin in einem kitschigen Liebesroman.

Es gab vor zwei, drei Jahren mal eine Kollegin, Uta. Sie mochte Albert. Und Albert mochte sie. Er flog auf ihre Art. Ich mochte Uta nicht. Sie gab mir ein Gefühl von Unterlegenheit. Dann hieß es, sie hätte den Job gewechselt, sei fortgezogen. In eine andere Stadt, eine bessere Stellung. Diese Uta drückte mir ihre Trauer aus. Obwohl wir uns Jahre nicht gesehen hatten. Stand sie doch noch in Verbindung mit Albert? Uta? Albert und Uta? In Alberts Sachen fanden sich Dinge, die mich erschreckten. Albert hinterließ nicht nur unser gemeinsames Leben. Er hinterließ mir auch einen Nachlass aus seinem anderen Leben. Wie die verschiedene Quittungen von dem Wochenende, als ich ihn in Berlin glaubte. Kreditkarten-Abrechnungen, alles von Albert quittiert. In Wismar. Kauf von Schmuck, bei einem Juwelier an der Seebrücke. Ein Aufenthalt im „Alten Schweden“ – mit seiner Frau. Ich bin seine Frau, oder besser, ich war seine Frau. Und ich, seine Frau, war nicht in Wismar. Weder allein noch zusammen mit Albert. Offensichtliche Belege für mehrere Lügen. Sie rissen mir einen Schleier von den Augen. Erzählten eine Geschichte, die ich nicht wahrhaben wollte. Lähmende Stille bereitete sich im Haus aus.

Wochen später. Ein eisiger Wind stand an der Ostsee. Wismar, eine Hafenstadt an der Ostsee, Werft, Schiffbau, eine Hochschule und ein restaurierten Stadtkern. Darin, am Marktplatz, das Hotel „Alter Schwede“. Ich buchte dort ein Zimmer. Jenes Zimmer, in dem Albert, wahrscheinlich mit Uta, die letzte Nacht vor seinem Unfall verbracht hatte. Bei der Nennung meines Namens sah mich der Angestellte an der Rezeption für einen Moment scharf an. Eine Zehntelsekunde Überraschung, gleich danach professionell bis in die gegelten Haarspitzen, schob er die Karte über den Tresen. Zweiter Stock, Blick zum Marktplatz. Beschrieb mir den Weg zum Fahrstuhl. Und ich dachte, ist das moralisch vertretbar? Ein intimer Ort. Hier hatten sie nebeneinander gelegen. Sich geliebt. Mit Champagner angestoßen. Nur, was sollte ich sonst tun? Ich nahm mir das Recht, den Menschen zu hinterfragen, denn ich liebte. Ihm zu unterstellen, dass er mich hintergangen hatte. Ein Doppelleben mit einer anderen Person führte. Mit dieser Uta.

Was passiert, mit einem Menschen, der ein anderes Leben beginnt, ohne das alte aufzugeben? Ich lag auf dem Rücken in dem Doppelbett. Starrte die Decke dieses Hotelzimmers an. Als käme von dort oben eine Antwort. Ich war hier nur der Zaungast. Albert hatte etwas bei einer anderen Frau gefunden, dass ich anscheinend nicht besaß. Und dafür schenkte er ihr Perlen. Zuerst glaubte ich, es handele sich um ein Geschenk. Für mich. Mein Herz schlug höher. Doch das leere Etui sprach eine andere Sprache. Albert, warum hast du das getan? Ausgerechnet Uta! Allein der Name! Mir hast du nie Perlen geschenkt. Behauptetest, sie wären altmodisch und – sie würden Unglück bringen. Das habe ich nicht verdient. Du hättest zumindest den Kaufbeleg vernichten können. Mein Mann, der Zocker, spielt die gezinkten Karten Lügengeschichten, Ausreden, Verschweigen, aus. Verrat, schrie es in mir.

Hanna warf mir vor, es bereite mir Vergnügen, mich selbst zu quälen. Ja, ich hielte mich davon ab, mein Leben neu zu organisieren. Hanna verstand nicht, dass ich in Erinnerungen blättern musste. Unklarheiten aufklären, Indizien sammeln, Freunde befragen, persönliche Papiere durchwühlen. Fragen, Fragen und noch mehr Fragen. Wer Antworten will, muss Fragen stellen. Deshalb Wismar und der „Alte Schwede“. Das Zimmer, welches Albert dort buchte. Für sich und seine andere Frau. Hanna hatte dauernd so kluge Sätze: Man kann im Leben nicht davon ausgehen, dass etwas ewig andauert. Als ob ich nicht wüsste, dass Albert nicht mehr der Albert war, in den ich mich als junge Frau verliebt hatte. Natürlich, die Schnappschüsse aus unserem Leben waren Momentaufnahmen. Ausnahmezustände, von denen man nicht erwarten kann, dass sie ewig dauern. Ebenso, wie sich als das große Los am Arm eines Jemand wahrnehmen. Ein jemand mit Namen Albert. Daran festhalten darf ich mich trotzdem. Und wenn wir uns für die anderen schön machten, strahlten wir doch beharrlich weiter Zuversicht aus. Vielleicht übersahen wir dabei, wie wir alterten. Von einer absurden Jahreszahl zur nächsten. Die anderen machten es genauso. Deshalb waren wir keine Paare mit Verfallsdatum. Ein Paar von hinten zu betrachten, ist nicht gleichbedeutend mit Entsagung oder Abschied.

Damals überlegte ich nicht, was ich mit den Antworten anfangen würde. Ob ich sie aushalten konnte. Ich war nicht darauf gefasst, wie sie meinem Leben den Prozess machten. Meine forschenden Blicke zu anderen Paaren. Dieser Neid! Wem konnte ich noch vertrauen? Dieses Gefühl, Opfer zu sein. Ich fühlte mich klein und jämmerlich. Eine Randfigur im Abseits des Lebens. Der Blick auf die dunkle Seite des Mondes brachte meinen Kopf durcheinander. Bilder und Worte deformierten meine Erinnerungen. Bilder, die ich früher nicht sah. Worte, die ich nicht wahrnahm.

Am Ende wollte ich nicht verloren gehen. In mir tobten unbändiger Zorn und Enttäuschung! Stürzten sich auf diese Frau. Die Andere an Alberts Grab. Uta. Schäumend vor Wut, schrie ich sie an! Beschimpfte sie, schlug auf sie ein. Riss ihr die Perlenkette vom Hals. Sah die weißen Kugeln über den Boden rollten. Unter das Sofa, in die Ritzendes Holzfußbodens. Fand meine Genugtuung in den  klackernden Geräuschen. Beschuldigte sie, meine Ehe zerstört haben zu wollen. Alles nur Berechnung. Albert hätte mich niemals verlassen. Denn, Liebe war es ganz sicher nicht. Nein, eine Liebe zu Albert kam in meinen Bildern nicht vor. Hanna, meiner zweiten Seele, erzählte ich nichts von diesen Fantasien. Sie hätte Sätze gesagt wie, hör auf, dich weiter zu quälen. Sieh eure Beziehung als ein verblassendes Foto, dass nicht in Vergessenheit gerät.

In meinem Schreibtisch, verborgen hinter einem Stapel Briefen, liegt das Etui aus dem Autowrack. Es ist schon etwas abgegriffen. Wenn ich aus diesen Albträumen hochschrecke, hole ich es hervor. Darinnen liegt eine Kette mit unregelmäßigen, weißen Perlen. Ein Geschenk, dass ich mir selbst bereitete. Nicht von dem Wert, den Albert für Utas Kette investierte. Es beruhigt mich, sie durch meine Hand laufen zu lassen. Jede einzelne Perle. Eine Erinnerung an das, was hätte sein können. Allein sie zu haben, entschädigt für vieles. Dann scheint es mir, als schwebe Albert noch irgendwo da draußen. Er hat mich nicht verlassen.

Ein ganz normaler Tag

Es hatte den ganzen Tag geregnet. Typisches Novemberwetter. Wer konnte, verbrachte den Abend gemütlich vor dem Fernseher. Mit schnellen Schritten durchquerte Ada spätabends den Park. Eine Straßenlaterne entwarf zittrige Schatten auf den großflächigen Wasserlachen. Vom Containerhafen trug der Wind den Lärm über die Elbe. Ada war guter Dinge. Noch wenige Minuten, dann würde sie die Tür ihres Hauses hinter sich zuziehen können.

An der Treppe zum Schopenhauerweg ein kurzes Innehalten. Die unebenen Stufen erschienen ihr bei der Nässe recht beschwerlich. Ihre Augen flogen nach rechts und links. Außer ihr war hier anscheinend niemand mehr unterwegs. Auf halber Höhe des Treppenweges rang sie nach Luft; dort, wo sie nach rechts in den Heckenweg abbiegen mußte. Ein stechender Schmerz zog durch die Hüfte in das rechte Bein. Für einen Moment stützte sie sich heftig keuchend an einer Bank ab. War da nicht eine Bewegung, etwas wie eine Silhouette? Witternd zog sie einen Atemzug durch die Nase, ähnlich einem aufgeschreckten Hasen. Der Wind jagte aufgeregt durch Büsche und Hecken. Peitschte mit einen Zweig über ihren Arm. Adas Kopf wurde heiß. Hektisch riss sie an ihrem Schal, öffnete den obersten Mantelknopf. Den Schirm in ihrer Rechten umklammerte sie mit festem Griff. Vorsichtig tasteten ihre Füße über den glitschigen Untergrund. Oben von der Elbchaussee kam das Gellen eines Martinshorn näher, erstarb abrupt. Ada horchte, beschleunigte dann ihr Tempo. Nur keine Zeit verlieren. Das Leben musste endlich wieder normal werden.

Das Haus lag still in der Dunkelheit. Vor neugierigen Blicken beschützt durch Rhododendren sowie mehreren alten Eichen. Eine stürmische Böe zerrte an Adas Schirm, als sie sich der Gartenpforte näherte. Von dort konnte sie das Aufflackern des Fernsehers im Wohnzimmerfenster sehen. Ein schwacher Lichtkegel fiel auf die Terrasse. Das werden schon die Spätnachrichten sein, überlegte Ada. Ja, diese Zeitschaltuhr, eine gute Idee, dachte sie noch, als in der Küche eine Lampe aufleuchtete. Sie huschte zum rückwärtigen Eingang. Darauf bedacht, keinen Lärm zu verursachen. Leise drehte der Schlüssel das Schloss. Geschafft. Aufatmend lehnte sie ihren Rücken an das kühle Holz. Streifte die Stiefeletten von den Füßen. Entsetzt bemerkte sie dabei das schlammverkrustete Leder. Ihre Lieblingsschuhe; total verdreckt! Etwas wie Ärger stieß in ihr hoch. Behutsam entfernte sie die Spuren ihres Spazierganges. Polierte das Leder dann auf Hochglanz. Nichts für Schlechtwetter, führte sie ihr Selbstgespräch weiter. Aber Wanderstiefel für einen Abend im Schauspielhaus? Bei dieser Vorstellung konnte sie sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Auf dem Tischchen neben der Garderobe lag, wie nachlässig hingeworfen, ihre geöffnete Handtasche. Sie griff nach der Theaterkarte, die herausgefallen war. „Der eigene Tod“, von dem faszinierenden Autor Péter Nádas. Der große Ungar wußte, warum er dieses Stück verfasst hatte. Eine gute Wahl. Henry, das Stück hätte dir auch gefallen. Schluß damit, unterbrach Ada ihre Gedanken, rief sich zur Ordnung. Keine Zeit für Überheblichkeit.

Auf dein Wohl, Henry, prostete Ada dem Portrait über ihrem Schreibtisch zu. Der Angesprochene, eingezwängt in den goldfarbenen Rahmen, rührte sich nicht. Wie sollte er auch. Seit Henrys überstürztem Auszug trafen sie sich nur noch in den Büroräumen der Firma. Zufrieden betrachtete Ada das Glas in ihrer Hand. Der Rotwein schimmerte rubinrot. Sie richtete sich in ihrem Sessel auf. Straffte die Schultern, bevor sie in ihrem Selbstgespräch fortfuhr. Henry, wie du mich anschaust! Dieser Blick! Und dein weiches Haar. Ja, wir beide hatten Stil und – wir waren großzügig. Sahen über die Eskapaden des anderen hinweg. Bis, ja, bis diese Sonja auftauchte. Große Liebe. In deinem Alter. Was für ein Quatsch! Führtest du dich auf wie ein Idiot! Dabei interessierte die sich nur für Geld. Aber sorge dich nicht, sie wird sich schnell trösten. 

Kalte Wut stieg in Ada hoch. Wut darüber, dass Henry sie verlassen hatte. Und Wut über seine unverschämten Forderungen. Hast du wirklich geglaubt, Henry, ich setze meine Unterschrift unter dieses Schundwerk von Vertrag? Du willst die Hälfte der Firmenanteile? Und die Palmaille – nur weil du die dortige Wohnung nutzt? Ich lasse mich nicht zum Gespött der Stadt machen. Meine Firma hat Inflation und Weltkriege, Börsenabstürze und nicht zuletzt die Konkurrenz aus Asien überstanden. Nein, diese Firma wird auch dich überstehen. Hier stelle ich die Bedingungen. Ada schenkte nach. Was starrst du so? Denkst du, ich wäre völlig durchgeknallt? Contenance, wie mein Vater immer zu sagen pflegte. In jeglicher Hinsicht. Ich denke, du wirst zurück sein von deinem Herrenabend. Hast das Schreiben meines Anwalts gelesen. Dich aufgeregt, dass für eine Abfindung nichts übrig bleibt? Ich sehe es direkt vor mir. Aufregung ist Gift für dein krankes Herz. Tja, man gerät leicht in Panik, wenn die Medikamente nicht an ihrem Platz liegen. Das Asthmaspray auf den Boden gefallen ist. Der Reserveschlüssel für die Wohnung liegt nun für immer auf dem Grund des Fleets. Du meinst, die Polizei wird nachforschen? Glaub mir, sie wird keinen Verdacht hegen. Der kleine Abstecher in deine Wohnung; der war quasi auf dem Weg zum Theater. Henry, du hättest besser auf deine Gesundheit achten sollen.

Ada legte die Zeitschaltuhr zurück in die Verpackung. Trug das benutzte Glas in die Küche und löschte das Licht. Draußen setzte erneut der Regen ein. Es war ein ganz normaler Tag.

Eine Geschichte vom Aufgeben

Die Zeit rannte. Und ich mit hängender Zunge hinterher. Fünf Wörter auf einem Zettel, für eine Geschichte. Eine Geschichte von Menschenwürde, Blut, Fötus, Puppe, Krückstock. Ich starrte auf diesen Zettel, ließ die Wörter nacheinander durch meinen Kopf laufen bis er schmerzte. Nahm jedes Wort einzeln in die Hand, wendete sie hin und her, zerlegte sie in Silben. Jedes enthielt eine Bedeutung, eine Aufgabe, hätte die Chance, Bestandteil eines herausragenden Satzes zu werden. Nur, mir schien, für mich erfand diese Wörterliste keinen Sinn. Unter einem Mond, kalt und ungerührt schaute er auf mich herab, saß ich vor meinem Papier.

Wie genau es dazu kam weiß ich nicht mehr. Ich will hier nicht von Eingebung oder Magie reden. Jedenfalls verbandelte sich meine Fantasie mit dem Schachspiel auf der Fensterbank. Helle und dunkle Quadrate eingehegt in einen ebenso dunklen Rand, schlichte Figuren, alles aus Walnussbaumholz – ein zeitloses Ensemble. Es stand dort seit Wochen unberührt. Ich besetzte das Spielbrett mit fünf Figuren, drei schwarze und zwei weiße. Oder war es umgekehrt? Ein Spiel um Strategie und Taktik, vorausschauend die Gedanken des Gegners erahnend. Ich strapazierte meine Vorstellungskraft. Mal war ich Läufer, mal Dame, mal Turm. Der schwarze König mit dem Rücken zur Wand, erbot sich, seinen Läufer in die Bresche zu schicken, ihn der weißen Dame zum Fraß vorzuwerfen. Natürlich nur mit der Absicht, diese dann selber zu verschlingen. Dem weißen König bliebe nur noch, seinen Turm in die Unendlichkeit seiner Umlaufbahnen hin und her zu schieben. Ich tauschte die Figuren, Turm gegen Pferd, Bauer gegen Pferd, Läufer statt Turm, schwarz oder weiß, schob erneut hin und her. Immer bereit, meinen König zu schützen und immer die fünf Begriffe im Sinn. Fiktive Situationen in abenteuerlichen Aufstellungen, ein Albtraum für jeden halbwegs gebildeten Schachspieler; absurd, abseits jeglicher Realität. Ob Überfall aus dem Hinterhalt, Befreiungsschlag, Handgemenge – wo griff die Falle? Der Auftrag verwandelte sich in eine Forderung, die mich wie ein Schaf vor dem Wolf daher trieb. Mehr als verzwickte Situationen konnte ich dem Spiel nicht entlocken. Ein Ringen ohne Erfolg.

Ich überdachte meine Möglichkeiten in dieser quadratischen Felderwirtschaft. Und begriff, dass es sinnlos war. Aufgeben in einer ausweglosen Partie käme einem Akt der Selbstfürsorge gleich heißt es. Es ginge dann nur darum, zu erkennen, wann für bestimmte Situationen die passende Schlussfolgerung zu ziehen wäre. Mir war, als würde das Brett mir zurufen: Lass es. Du hast dich komplett verirrt. Das Schachbrett jedenfalls steht wieder auf der Fensterband. Ein Schmuckstück für kompetente Spieler.

Innenansichten eines Weihnachtsmannes

Ich bin ein Traum von einem Weihnachtsmann. Weiche Wellen silbergrauer Haare umrahmen mein Gesicht. Lassen gerade Platz für eine frostrote Nase und blaue Augen. Auf meinem Kopf tanzt, wie eine Krone, die tief in die Stirn gezogene Zipfelmütze. Der Samtmantel ist mein Heiligtum. Mein Auftreten in diesem schwungvollen Rock, mit weißem Pelzbesatz an Saum und Ärmeln, verleiht mir Eleganz. Ja, ich bin ein Traum von einem Weihnachtsmann. »Oh, schau mal, der schöne Weihnachtsmann«, sagen die Leute, wenn ich, ihre bewundernden Blicke im Rücken, durch die Fußgängerzonen schlendere. Nein, ich bin kein billiger Fetzen. Und ich spiele nicht irgendeine Rolle Ich fühle mich ganz tief hinein in das Wesen dieses großväterlichen Freundes und Geschenkebringers. Man könnte mich aus dem Tiefschlaf holen – sofort bin ich Weihnachtsmann. Ich lebe den Weihnachtsmann. Ich habe diesen Weihnachtsmann professionell aufgebaut und ausgestattet. Viele Familien können sich nichts Schöneres vorstellen, als mich am Heiligabend in ihrem Wohnzimmer zu erwarten.

Wenn ich vorhin von Schlendern sprach, ist das nicht richtig. Heute, am Heiligabend, warten 12 Kunden auf mich. Es kann schon mal stressig werden. Jedes Jahr steigen die Ansprüche. Es geht dabei nicht nur um Pünktlichkeit. Gerade die Neukunden, so wie die Familie Meister, legen Wert auf Jutesack, goldenem Buch, bimmeln mit der Glocke und HoHoHo. Freundlich und einfühlsam, liebevoll, aber auch bestimmt, soll ich die Kinder ermahnen; nicht zu streiten, nicht so viel Handy, weniger Süßes usw. Ich soll sie zu Rücksicht und guten Taten auffordern. Dies und einige andere Leitsätze steht häufig auf den ausführlichen Notizzetteln, die ich bei den Vorgesprächen überreicht bekomme. Soll ich sie zu besseren Menschen machen? Merkwürdigerweise hat sich an dieser Art und Weise, den Weihnachtsmann als Erziehungsinstrument zu nutzen, über die Jahre kaum etwas geändert. Selbst unter großem Zeitdruck ist mir nie ein grober Fehler unterlaufen. Nie habe ich Pakete vertauscht. Nie ein richtiges Durcheinander angerichtet. Nie die Gastgeber zur Verzweiflung getrieben.

Nur, ja, nur wenn da nicht dieses Stöbern in meinem Dachgeschoß wäre. Es ist mir, als würde ein Kobold in meinem Kopf herumspringen, Schubladen öffnen und umsortieren, Dinge verlegen, Gedanken ausradieren. Ein kleiner Teufel, der meine Kundengespräche abhört und mir aufrührerische Ideen einflüstert: »Stell Dir vor, wäre es nicht lustig, ein bisschen Leben in die Bude zu bringen? Herr Meister auf sein Übergewicht anzusprechen? Es wäre doch geradezu meine Pflicht, ihm einen gesunden Lebensstil abzuverlangen. Mehr Fitness, weniger vor dem Fernseher sitzen und weg von den abendlichen Chips und dem Bier. Kann doch nicht so schwer sein. Und dann Frau Meister! Wo war sie mit ihren Gedanken bei der Auswahl der Geschenke? Nur wertloser Plastikmüll; nichts pädagogisch Wertvolles!« Wenn ich kurz die Augen schließe, dreht sich die Welt und der Kobold spielt sein Spiel mit mir. Ich sehe mich bei Familie Meister den Laden auseinander nehmen. Mich an den entsetzten Blicken der Eltern weiden. Ob man mir solche Gedanken ansieht? Herr Meister hatte mich beim Abschied so nachdenklich angeschaut. Aber die Menschen sind heutzutage misstrauisch.

Nur jetzt keine Tagträume. Es wird Zeit. Zuerst zum Schreibtisch. Wo habe ich das Tablet mit den Notizen hingelegt? Es liegt immer auf dem Schreibtisch, neben dem PC. Dort habe ich es hingelegt. Sicher habe ich es dort hingelegt. Gleich werde ich es dort finden. Neben dem goldenen Buch, das ich extra für heute angeschafft habe. Warum sollte es nicht dort liegen? Natürlich wird es dort liegen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es nicht dort liegen würde. Gleich werde ich es dort finden. Hohoho. Und ich werde die Tour noch einmal in Ruhe durchgehen: Mit dem 210er Bus, der alle 30 Minuten vor meiner Haustür abfährt. Von der Haltestelle nach links, 150 m. Die Gartenstraße, das sind Einfamilienhäuser mit Vorgärten. Das Haus der Familie Meister liegt rechter Hand. Neben der Haustür ein beleuchteter Tannenbaum. 2mal kurz klingeln als Erkennungszeichen. Ich lege den Finger auf den Klingelknopf, drücke 2mal. Das Summen des Türöffners, ich drücke gegen die Haustür. Die Treppe hoch, den Flur entlang. Die Geschenke liegen unter der Treppe. Hübsch verpackt, mit Schleifchen und Namensschildern. So sagte es Herr Meister und Frau Meister hatte dazu bekräftigend genickt. Sie würden halten, was sie versprechen, sollte das heißen. Ich stopfe die Geschenke in den Sack. Die Wohnungstür ist angelehnt. Weihnachtsmusik weist mir den Weg. Zunächst mit der Glocke bimmeln. Für einen Moment bin ich geblendet von der Helligkeit der Kerzen. Kurz einen Rundblick durch den Raum, die Anwesenden mustern, insbesondere die Kinder. Sind sie ängstlich, aufgeregt, vorlaut?  Jedes Kind reagiert anders. Ihr Verhalten sagt viel über die Familie aus. Eine freundliche Begrüßung. Das Buch aufschlagen: Wie heißen die Kinder, welche Wünsche haben sie? Wer ist sonst noch anwesend? Welche Leidenschaften, welche Fehler sollen angesprochen werden? Danach Gedichte aufsagen, Geschenke verteilen, gemeinsames Singen und ein kräftiges Hohoho.

Das Weihnachtsmanndasein ist begrenzt; elf Monate im Jahr ohne Bedeutung. Auch wenn die Schokokollegen schon ab August im Supermarkt die Regale besetzen. Geheime Zeichen senden. Der Countdown läuft, macht euch bereit! Letztendlich geht es doch nur ums Geld. Es geht immer nur ums Geld. Es ist überall das gleiche. Der Einzelhandel will auf seine Kosten kommen. Die Werbebranche sendet pausenlos fröhlich schaurige Momentaufnahmen, drängt zu elektroinfiziertem Spielzeug, blinkendem Plastikmüll, computergesteuerter Unterhaltung. Weihnachten ist Konsumrausch in Reinkultur. Die Eltern wissen nicht mehr, was sie ihrem Kind schenken sollen. Das Kind weiß nicht mehr, was es sich wünschen soll.

Ich bin aus der Übung. Jedes Jahr die gleiche Misere. Es fehlt an der Konzentration, an dem Regelmaß. Ich fürchte mich davor, zu versagen. Nervöser Magen, Selbstzweifel. Kleine Nichtigkeiten lassen mich ungeduldig werden. Am liebsten möchte ich alles hinschmeißen. Wie lange mache ich das nun schon? So kann es nicht weiter gehen. Es muss ein Ende haben. Ein Weihnachtsmann, der in den Ruhestand gehört. Seit 20 Jahren jeden Heiligabend unterwegs. Überall die gleiche Nummer. Hohoho. Der Sack mit den Geschenken, Ermahnungen an die Kinder, Gedichte aufsagen lassen. Die ängstlichen Blicke, zögerlichen Berührungen, die vorlauten Stimmen der unerschrockenen Draufgänger. Zwischendurch die Sinnfrage. Wozu braucht man heute noch einen Weihnachtsmann? Ja, man sollte in den Ruhestand gehen. Endlich mal, nur für sich, Weihnachten feiern. Ohne mitleidige Blicke im Rücken, wenn man beim Weggehen ein Stück Stollen in die Hand gedrückt bekommt. Hier, für Sie, heißt es dann, Sie sollen auch nicht leer ausgehen. Frohe Weihnachten.

Künstliche Intelligenz, Roboter, passende Software – da liegt die Zukunft. Vielleicht gäbe es überall Ladestationen, ähnlich den  Paketstationen. Geschenke abgeben, Adresse auswählen, einige Infos zu der Familie, Route berechnen lassen, per PayPal bezahlen. Fertig. Zwölf Auftritte an Heiligabend, für einen Roboter kein Problem. Einzig die Anfahrt per Bus oder S-Bahn wäre derzeit noch eine Herausforderung.

Bitte, reiß dich zusammen, sage ich mir. Du hast es doch immer gern gemacht. Du schaffst das! Sobald Du mit den Geschenken vor der Türe stehst, ist es ein Selbstgänger. Ja, ja. Wo ist nun das Buch mit den Notizen? Ach ja, hier auf dem Küchentisch. Dabei liegt es doch sonst immer auf dem Schreibtisch. Und jetzt liegt es auf dem Küchentisch. Ach ja, ich habe schon während des Frühstücks drin gelesen. Obwohl es nicht gesund ist, beim Frühstücken zu lesen. Mein Magen möge es mir verzeihen.

Also, ich studiere noch einmal den Ablaufplan, die Adressen, überprüfe die Fahrpläne der Busse. Sehe auf die Uhr. Jetzt aber. Ich darf auf keinen Fall zu spät kommen. Die erste Verspätung würde alles ins Rutschen bringen. Manche Kunden können recht ungehalten werden, auch an Weihnachten, dem Fest der Liebe. Also zuerst die Gartenstraße 18, dann Veilchenweg 5. Das liegt auf dem Weg zur Langen Reihe. Dort drei Adressen in unmittelbarer Nachbarschaft. Familien, die es eilig haben, mit Kindern, die sich auf die Geschenke stürzen. Dadurch kann ich etwas Zeit einsparen. Acht Stationen mit dem Bus 46. In voller Montur. Klar, dass es Sprüche gibt, Anmache, Fragen nach dem Sackinhalt. Bislang ist mir keiner zu nahe getreten. Nur einmal hat man mir die Mütze geklaut.

Wenn nur überall die Geschenke an den vereinbarten Orten liegen. Alle haben es versprochen. Familien, die ihre Kinder zu Weihnachten überraschen wollen, sind zuverlässig. Sie halten, was sie versprechen. Ganz sicher. Warum also sollte ich die Geschenke nicht vorfinden? In dem Flur unter der Treppe, in einem Karton neben der Tür, beim Nachbarn nebenan usw. So, wie besprochen. Und alle Geschenke sind mit einem gut leserlichen Namenszettel versehen. Und wenn sie nicht in den Sack passen? Was kann alles passieren?

Es ist windig und regnerisch. Den ganzen Tag schon. Wenn ich nur trocken ankomme! Nichts wäre schlimmer, als ein Sturzregen. Ein Sturzregen, ein richtig heftiges Schauer, das den Mantel durchweicht, wäre schlimm. Man stelle sich vor, der schöne Mantel ruiniert, die Mütze sowieso. Oje, dieser flauschige, weiche Mantel! Welch eine Fiasko! Die Schminke würde sinnlos in meinem Bart herumhängen, die Kinder meinen Auftritt durchschauen. Mit den Fingern auf mich zeigen, sich lustig machen, mich auslachen. Meine Auftraggeber wären empört. Nein! Unmöglich! Bessernicht so viel grübeln. Der Auftritt wird klappen. Geschenke in den Sack, anklopfen, die Stimme senken, Ansprache, ein Gedicht, die Geschenke, ein Lied. Immer daran denken, hinter jedem Geschenk steht ein Kind mit Sehnsüchten und Wünschen. Und danach gleich in die Kneipe. Ich brauche das Geld für mein Weihnachtsfest, mit den Kollegen, in der Kneipe. Etwas Anständiges essen. Zusammen anstoßen, über den Job quatschen und ein bisschen auf sentimental.

Es ist den ganzen Tag nicht trocken geworden. Stunde um Stunde nur Regen, wie aus Eimern. Hundewetter! Sauwetter! Wie lächerlich wirkt ein Weihnachtsmann mit Regenschirm! Die Mütze wird am Kopf kleben. Ein jämmerlicher Haufen. Ich stehe am Fenster, schaue dem Wetter nach. Nun schneit es. Wie bestellt. Ein Wunschtraum zu Weihnachten. Filigrane Fallschirme segeln durch die Luft. Hüllen Häuser und Straßen in weiße Überzüge. Sofort denke ich mir rutschige Straßen, mangelhaft geräumte Gehwege, einen mit Nässe vollgesogenen Mantel und durchweichte Schuhe. Brillengläser beschlagen beim Betreten der geheizten Wohnungen. Schlecht für Weihnachtsmänner.

Bitte, reiß dich zusammen, sage ich mir, als ich den roten Mantel vom Bügel nehme. Ein letztes Mal die Stiefel überwienern. Ein Blick in den Spiegel. Die Augen wirken müde. Mittlerweile trage ich eine Brille, wie sie der Coca-Cola-Weihnachtsmann hat. Silbermetallic, mit runden Gläsern. Noch das Gesicht zurecht machen. Mit dem Schminkpinsel über Wangen und Nase. Den Bart striegeln. Wie weich fallen die prachtvollen Locken! Die meisten Weihnachtsmänner tragen einen künstlichen Bart. Lockenträume aus Polyamid und Polyester, reißfest angeklebt; für alle Fälle. Ich könnte das nicht. Solch ein Fremdkörper in meinem Gesicht? Unvorstellbar! Ich bin stolz auf meinen Bart. Er gefällt mir. Sack, Glocke, goldenes Buch liegen bereit. Einmal noch die Notizen lesen, Namen und Adressen merken, den Ablaufplan mit den Buszeiten abgleichen.

Ich schaue zu dem 210er Bus, er ist pünktlich. Er fährt heute genauso pünktlich wie an allen Tagen, alle 30 Minuten. Ich sehe alles genau vor mir. Von der Haltestelle Gartenstraße gehe ich die 150 m nach links. Die Gartenstraße, das sind Einfamilienhäuser mit handtuchgroßen Vorgärten. Hausnr.18 liegt auf der rechten Straßenseite. Neben der Haustür ein beleuchteter Tannenbaum. Ich lege den Finger auf den Klingelknopf, drücke 2x kurz. Das Summen des Türöffners. Ich drücke gegen die Haustür. Die Stufen hoch, in den ersten Stock; außer Puste, keuchend, nach Luft japsend. Unter der Treppe die Geschenke. Hübsch verpackt, mit Schleifchen und Namensschildern. Hinein in den Sack damit. Innehalten vor der angelehnten Wohnungstür. Einen Moment lauschen: »Fröhliche Weihnacht überall. Tönet durch die Lüfte froher Schall«. Sie erwarten mich; hübsch herausgeputzt, aufgeregt. Kinderaugen strahlen ebenso wie die Kerzen am Baum. Welch eine festliche Stimmung! Und ich, der Weihnachtsmann mache dieses Glück vollkommen. Doch – was ist das? Gerade jetzt, wo es losgehen soll. In meiner Kehle rottet sich ein Kloß zusammen. Ein richtig fetter Kloß! Ein fetter, schleimiger Kloß. Mein Kopf läuft hochrot an. Mir wird heiß. Ich möchte die Mütze vom Kopf reißen. Greife mir stattdessen an die Kehle. Schlucke verzweifelt, krächze tief aus dem Rachen. Vergeblich. Die Stimme will mir nicht gehorchen. Alles, was aus dem Mund gleitet, ist ein mühseliges, unbeholfenes Stöhnen. Einzelne Laute, die keinen Sinn ergeben. Ich bin der Weihnachtsmann. Ein Weihnachtsmann mit einem Kloß im Hals. Ein Weihnachtsmann, der nach Fassung ringt. Ich schaue mich um. Zerre dann hastig eine Dose Cola aus meiner Manteltasche. Reiße die Lasche hoch, stürze die Dose an die Lippen. Der Magen schäumt, brennt höllisch. Ich räuspere mich, räuspere mich erneut. Doch der Kloß ist halsstarrig, will nicht weichen. Nein, nicht einen Millimeter. Schweiß steht mir auf dem Rücken. Rinnt hinab, rinnt mir in die Unterhose. Ruhig, ganz ruhig – es wird gleich wieder. Nur ruhig bleiben. Wie eine Litanei bete ich diese Sätze herab. Ich setze die Dose erneut an. Schlucke, schlucke, schlucke noch einmal – dann ist der Spuk plötzlich vorbei. Ich nehme den Sack auf, straffe die Schultern. Leise fällt die Wohnungstür hinter mir ins Schloss. Höchste Zeit. Für einen kurzen Moment ist mir als wäre die Luft voll Musik: »Fröhliche Weihnacht überall. Tönet durch die Lüfte froher Schall«.

Nur ein kurzer Blick

Seinen Blick sehe ich immer noch vor mir. Irgendwie hoffnungslos, resigniert, so schien es. Geradezu eingebrannt sitzt er in meinem Gedächtnis. Dabei liegt der Vorfall mindestens ein Jahr zurück. Ich saß auf dem Flur, im Wartebereich der orthopädischen Abteilung. Vom Ende des Ganges kam er getrottet. Direkt auf mich zu. Ich schätzte sein Alter auf Ende 30 bis Anfang 40.  Seine Füße schlichen über den Linoleumboden. Eigentlich war es mehr ein schlurfen. Er setzte nicht einen Fuß vor den anderen, wie beim normalen Gehen. Vielleicht eine Fußverletzung, dachte ich und deshalb ist er jetzt hier im Krankenhaus. Und daher dieser auffällige Gang.

Die hellblauen Jeans, sowohl Farbe als auch Schnitt, schienen aus einer anderen Zeit. Genauso wie das graue Sweatshirt. Dazu ehemals weiße Turnschuhe, schmuddelig und abgelatscht. Vielleicht bedeutete ihm sein Aufzug nichts. Jedenfalls wirkte er, als ob es ihn nicht interessieren würde. Mach es nicht so wichtig, Hauptsache, die Sachen passen und sind sauber, tadelte meine Mutter, wenn sie mir abgelegte Sachen von den älteren Geschwistern vorsetzte. Wie ich es hasste! Dabei übersah ich jedoch, dass es vielen in meiner Klasse genauso erging. Nur einmal, mein Bruder sonderte eine schwarze Hose aus, haderte ich nicht. Diese Hose war absolute Spitze. Schmal geschnitten, ein breiter Gürtel auf den Hüften. Und ich hatte zum ersten Mal nicht um eine Hose kämpfen müssen.

Also, der Mann betrat den Flur am Ende des Ganges. Krankenhausflure sind meistens lang. Vor den Türen baumeln an langen Bänder diese Griffe von der Decke, Griffe zum Ziehen. Oder man drückt auf faustgroße Taster an den Wänden. Die breite Automatiktür jedenfalls sprang mit ausholendem Schwung auf. Das Geräusch ließ mich kurz aufblicken. Damit war ich gleich im Film. Neben ihm zwei Personen, rechts die Frau, links der Mann, beide dunkel gekleidet. Es wirkte, als wären sie nur gekommen, um gemeinsam durch diese Tür zu gehen, um sich gleich danach wieder zu trennen. Zufällig hatten sie den gleichen Weg. Und doch, irgendetwas war. Nur – ich konnte es nicht deuten. Schweigend näherten sie sich der Sitzecke, wo ich darauf wartete, aufgerufen zu werden.

Ich konnte mir nicht erklären, warum mich gerade dieser Mann in der Mitte so magisch anzog. Man hätte mir in dem Moment wohl vorwerfen können, schamlos zu starren. Jedenfalls schien der in der Mitte meinen Blick zu spüren. Er blickte kurz auf. Ein verstohlener, tastender Blick, der da über mein Gesicht strich. Es war mehr ein kontrollieren, bewerten. Ein flackerndes Augenpaar, das für einen Moment Neugierde erahnen ließ. sein Wissen wollen erlosch abrupt. Dabei wirkte er nicht schüchtern.

Die Gruppe hatte fast meine Sitzposition erreicht, als die Frau ihren rechten Arm hob. Ihre Hand deutete rüber zur linken Seite. Sie wies in den Gang zur Inneren Abteilung. Die Innere, dort werden Untersuchungen wie Magen-Darm-Spiegelungen vorgenommen. Ich kenne die Abteilung. Wer dort hin muss, hat einen auffälligen Befund.

Fast augenblicklich reagierte der Mann auf diese Art der Kommunikation. Er folgte ohne weitere Regung. Wie von einem festen Band gezogen, wechselte er die Richtung, bog vor meiner Sitzreihe ab. Nur für diesen kurzen Moment kam er mir jetzt ganz nahe. Merkwürdig, dass ich mich an seine Frisur als dunkelblonden, aus der Fasson geratenen Haarschnitt, erinnere. Die Gesichtshaut wirkte blass und schlaff. Schlechte Ernährung, Vitaminmangel, zu wenig Bewegung an der frischen Luft, dachte ich noch. Seine Begleiter sahen durch mich hindurch, gingen gemessenen Schrittes vorbei. Meine Augen musterten die Kleidung der beiden genauer. Auf den Oberarmen ihrer schwarzen Blousons prangten Namensschilder. Ich las: „Landesjustizanstalt Niedersachsen“. Was in dem Moment genau in mir vorging, weiß ich nicht mehr. Nur, dass ich automatisch auf die Füße des Mannes schaute. Und schlagartig den Grund für seinen schleppenden Gang erkannte. Er trug Fußfesseln, an beiden Knöcheln. Erschrocken schaute ich zur Seite. Impulsiv, so, als ob ich es hätte nicht sehen wollen. Hob dann meinen Blick erneut, schaute ihm nach, aber da war er schon vorbei. Schlurfend, den Rücken vorgebeugt.

Der unsichtbare Faden

Meistens herrscht eine friedliche Stille in der S-Bahn. Landschaften fliegen vorbei, ich studiere die Gesichter der Mitfahrenden. Junge Mädchen, ihre Haare zupfend, mustern die Insassen, werden gemustert. Ich betrachte Büromenschen in Businessverkleidung, meistens gut geschnitten, weiße Kragen, teure Lederschuhe, durchgedrückte Schultern. Höre Handys klingeln. Abgehackte Worte, sinnlose Monologe tanzen durch die Luft. Richtige Gespräche sind selten. Die meisten Menschen sitzen mit Stöpseln in den Ohren, stieren auf flackernde Monitore. Wer bin ich für sie? Ein Typ, der Leute anstarrt, ihnen beim Popeln zusieht und Luftgespräche belauscht?

Manchmal wird die Ruhe durch Lautsprecheransagen unterbrochen. Oder durch Menschen wie Matthias. Seine ruhige Stimme klingt klar: „Guten Morgen, ich bin der Matthias. Entschuldigung, dass ich Sie belästige. Ich bin obdachlos und schlafe unter einer Brücke. Ich möchte Sie um etwas Essen oder Trinken bitten oder um ein bisschen Kleingeld. Ich bedanke mich und wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Ein durchsichtiger Plastikbecher klappert sich durch die Reihen. „Danke, vielen Dank, Danke.“ Gesenkte Augen rücken zur Seite, schauen unbeteiligt Richtung Fenster, Ekel im Gesicht. Nur dem Menschen in seiner stinkenden Jeans und verdreckte Rucksack nicht zu nahe kommen.

Ich bin erschöpft von einem vollgestopften Tag, möchte nach Hause. Der Zug hat sich geleert, bis auf einige wenige Fahrgäste. Da fällt mir in der übernächsten Vierergruppe rechts, ein Mann im grünen Lodenmantel auf. Solche Lodenmäntel, olivgrün, wadenlang und weit geschnitten, sieht man heute selten. Er wirft ihn auf die gegenüberliegenden Sitze, ein dicker, brauner Strickschal fliegt, zack, gleich hinterher. Na, ja, seine Bewegungen wirken hölzern, ruckartig. Er schaut auf seine Füße, stellt die braunen Lederhalbschuhen aneinander. Öffnet die Schnürsenkel, stellt die Füße auf die Sitzkante gegenüber. Nach einem langen Tag hat man es gerne bequem. Ich kann das nachvollziehen, auch wenn ich nicht sein Gegenüber sein möchte. Er wirkt unruhig. Hebt die Füße wieder in die Schuhe. Nestelt an seiner Hose. Die sieht bequem aus, vom Stil her wie Flanell. Gürtel auf, Reißverschluss auf, Hand in die Hose, Hand raus, wieder rein und raus, den Reißverschluss hoch, die Gürtelschnalle verschließen. Fertig. Er zupft das Revers seines Sakkos gerade, zieht die Ärmel in Form. Wirft den Schal um den Nacken. Fertig. Als nächstes erneut die Füße auf die Bank, zurück in die Schuhe, nochmal rauf und runter. Wieder fertig. Fahrig durchkramt er die Jackentaschen. Gegenstände fliegen auf den Nebensitz, klappern gegen die Wand. Dann – einen Moment Ruhe. Nicht lange, und es zieht ein Geruch von Tabakqualm durch den Wagen. Eine graue Wolke schwebt über graue, stoppelige Haare. Er qualmt! Ich täusche mich nicht. Ja, richtig, im HVV herrscht absolutes Rauchverbot.

Inzwischen sitze ich allein mit ihm im Wagen. Auch die beiden Männer, gemütliche Typen, Jeans, weiße Turnschuhe, über den gewölbten Bäuchen Poloshirts, Modell beigeblauweiß geringelt, typische Altherrenmode, die sich mit ausschweifenden Gesten unterhielten, sind weg. In meinen Ohren singt noch der fremde Klang ihrer Sprache. Die Bahn rattert immer weiter ihrer Endstation entgegen. Lichter von fernen Häusern leuchten wie Glühwürmchen, ab und an glänzt ein Auto. Hier und da vereinsamte Straßenlaternen, schrille Leuchtreklamen, Neon, in grün und rot. Der Geruch ist versiegt. Plötzlich taucht die rote Strickmütze auf. Ein neues Kapitel beginnt. Mütze auf, Mütze ab, auf die Sitzbank, zurück auf den Kopf. Wieder kein Wort. Meine Augen folgen fasziniert dieser Aufführung. Ich sehe keinen Rhythmus, keinen Faden, der ihn führt. Alle Augenblicke wirft er merkwürdige Blicke über seine linke Schulter, zuckt nach hinten. Sucht er Aufmerksamkeit, glaubt er sich verfolgt? Ist es ein Tick?  Immer dieser irre Blick. Starrend fährt er durch den Wagen. Vor mir immer wieder Füße auf den Sitz, Blick nach hinten, richten der Hose, Blick über die Schulter, Mütze in der Hand, Schal auf den Sitz, stechender Blick, irre Augen. Ob Angehörige oder Betreuer ihn erwarten, sich Sorgen um ihn machen? Zugbegleiter gibt es keine und auch keinen Notruf. An der nächsten Station muss ich umsteigen. Der Zug fährt bremst ab, rollt langsam in den Bahnhof. Aus den Augenwinkeln sehe ich seine Statur in den grünen Mantel, den mit kleinen geometrischen Mustern rotgraublau bestreuten Sitz neben ihm mit der zerblätterten Zeitschrift, einem blaues Stabfeuerzeug, einige zerknüllte Kassenbons, Bonbonpapier und allerhand undefinierbares Zeugs. Und maskenhafte Gesichtszüge, mit Augen, die gleichgültig geradeaus starren. Ich merke mir die Wagennummer: 4976. Es ist 20:33 Uhr. Der Bahnsteig versinkt hinter dem Zug. Schwer atmend renne ich mit meiner schweren Umhängetasche durch die Unterführung zum Nachbargleis. Zu meinem Anschlusszug, zurück in mein reales Leben.

Lasst mich bloß in Ruhe

Die S-Bahn ist mal wieder spät dran. Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Die Leute auf dem Bahnsteig drängeln an uns vorbei. Rücksichtslos, alle wollen auf einmal durch die Tür. So sind wir natürlich die letzten. Wie immer. Jetzt kann ich sehen, wie ich da reinkomme. Mit Gabi in diesem Rollstuhl. Also, den Stuhl leicht kippen, anschieben und dann rechts um die Ecke, zu den Stellplätzen, Aber klar, die sind blockiert. Alle besetzt von Leuten, die in ihr Handy starren oder aus dem Fenster. Wie immer. Dabei steht oben groß und deutlich: Stellplatz für Rollstühle bitte freihalten.

Und ich komm hier mit einem Rolli. Das seht ihr doch. Und ich brauche den Platz. Eigentlich muss ich das doch gar nicht sagen. Also los, denke ich, alle aufstehen. Glotzt nicht so blöd. Steht endlich auf, zack, zack. Verdammt, dieser Rollstuhl ist so störrisch. Gabi muss das Bein gerade halten, darf es nicht anwinkeln, nicht belasten. Ich krieg das Ding nicht in den Stellplatz. Es ist alles so eng, überall stehen Leute im Weg. Die Bahn fährt an. Festhalten. Ich muss das schaffen. Sonst fliegt der Wagen durch die Gegend. Und dann hat Gabi noch mehr Schmerzen.

Wenn hier drin nur nicht so miefige Luft wäre. Es ist alles ein einziges Chaos. Oh Mann, ich brauch was zu trinken. Diese beiden Tussis hier, mein Gott, die haben mir gerade noch gefehlt. Hä, was ist los? Ich und unhöflich? Geht doch einfach aus dem Weg. Und behaltet eure Kommentare für euch. Aber sagen darf man nichts. Ihr habt doch keine Ahnung, wie das ist. Gabi sitzt den ganzen Tag in diesem Teil, kann sich kaum bewegen. Sie hat Schmerzen, ihr Bein tut weh. Ich glaub das nicht. Ach, lasst mich bloß in Ruhe.

Manche Leute regen sich über alles auf. Reden den ganzen Tag bloß Stuss. Ich glaub das nicht. Die, mit diesem überheblichen Grinsen im Gesicht, wenn die sich selber hören könnte. Wie eine Lehrerin. Immer der gleiche Scheiß von Ruhe bewahren und Rücksicht nehmen. Erzähl das deinen Kindern, aber nicht mir. Und ich soll mich entspannen? Ja, ja, entspannt mal selber. Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Bei euch muss man mal laut werden. Hab doch nur gesagt, sie sollen aus dem Weg gehen. Kann ich doch nichts dafür, wenn sie gleich beleidigt sind. Ich bin nicht unhöflich. Blöde Weiber, immer das letzte Wort. Und die andere, die daneben steht, gibt auch noch ihren Senf dazu! Die guckt mich vielleicht an! Die Haare knallrot. Wie kann man nur solche Haare haben! Meine Gabi würde so etwas nicht machen. Die ist nicht so verrückt. Sie tut mir so leid.

Verdammt, ich hätte sie bei dem Glatteis nicht alleine zum Einkaufen gehen lassen dürfen! Dann wäre der Unfall nicht passiert. Jetzt sitzt sie da in diesem Scheißding und sagt keinen Piep. Mein Bier trink ich, wo es mir passt. Habe ich mir verdient. Scher dich um deine eigenen Sachen. Du bist doch nicht ganz dicht. Dazu fällt mir nur Pumuckel ein. Und dann dieser kurze Rock. Unmöglich. Wie kann man so rumlaufen! In dem Alter!

Hä – macht euch nur über mich lustig. Die Damen halten sich wohl für was Besseres. Lacht ihr immer so blöde? Sich hinstellen und über andere Leute lachen, was ist das denn? Ich hab euch nichts getan. Ach, quatscht nur. Ich trink jetzt mein Bier und hör da nicht mehr hin. Komm Gabi, guck da nicht hin, es wird schon wieder. Lass mich mal machen. Bloß gut, dass wir an der nächsten Station rausmüssen.