
Wir, dass sind zwei Frauen und zwei Männer. Uns verbindet das Interesse an Literatur. Zweimal im Monat treffen wir uns, seit Corona online. Was uns auszeichnet – finde ich – ist unser wertschätzender Umgang miteinander und mit der Lektüre. (eh)
…und demnächst hier: Babylon von Yasmina Reza
Wackelkontakt von Wolf Haas
Der Hanser Verlag stellt den Roman mit folgenden Worten vor:
Franz Escher wartet auf den Elektriker. Seine Steckdose hat einen Wackelkontakt. Um sich die Zeit zu vertreiben, liest er ein Buch über den Mafia-Kronzeugen Elio Russo. Elio sitzt im Gefängnis und wartet auf die Entlassung. Er hat so viele Leute verraten, dass er um sein Leben fürchtet. Aus Angst liegt er nachts wach und liest ein Buch. Es handelt von Franz Escher. Der wartet auf den Elektriker. Seine Steckdose hat einen Wackelkontakt.
Elio Russo, ein Mafioso im Zeugenschutzprogramm, nimmt eine neue Identität an und landet nach mehreren Stationen als Marko Steiner in Wien. Er arbeitet dort für eine Firma als Elektriker. Dort lebt auch Franz Escher, von Beruf Trauerredner, ein überwiegend ereignisloses Leben. Neben seiner exzessiven Puzzle-Liebhaberei widmet er sich einer weiteren Leidenschaft, dem Lesen.
Textauszug: „Er las schon lange nur noch eine Art von Büchern, diese aber mit einer Leidenschaft, die fast mit seiner Puzzle-Sucht mithalten konnte. Bücher über die Mafia. ’Ndrangheta, Cosa Nostra, Camorra, er fraß die Bücher regelrecht. Sachbücher, Romane, historische Studien, was ihm aus diesem Feld unterkam, verschlang er mehr oder weniger kritiklos.“
Der Wackelkontakt ist real. Doch dann greifen Fiktion und reale Handlungen ineinander. Escher bringt aus Versehen den Elektriker um.
Textauszug: Escher erinnerte sich an den Erste-Hilfe-Kurs, den er bei der Führerscheinprüfung absolviert hatte. Davon war ihm hauptsächlich die Warnung hängengeblieben, dass man bei der Herzmassage aufpassen musste, dem Patienten nicht das Brustbein zu brechen und ihm so den Rest zu geben. Außerdem war er überzeugt, dass der Elektriker schon tot war. Dem Toten auch noch das Brustbein zu brechen, erschien ihm als grausamere Tat als die Tötung des Lebenden………… Wen sollte er anrufen? Den Notarzt? Die Polizei? Elektro Janko? Und sollte er erzählen, wie es sich zugetragen hatte? Oder sollte er sich dumm stellen, damit die Schuld automatisch auf den Elektriker selbst fiel? War es denkbar, dass ein professioneller Elektriker vergaß, die Sicherung herauszudrücken? Es war schwer vorstellbar, aber angesichts der Tatsachen wohl auch kaum zu leugnen.
Der Aufbau erinnert an das Enthüllen einer „literarischen Matrioschka“ – durch die ineinander greifende Handlungen gewinnt die Geschichte mit jedem neuen Stepp an Fahr. Zwei Lebensgeschichten stürzen aufeinander zu wie Kometen. Sie enden in einem mafiösen Finale, dem man einen gewissen Klamauk nicht abstreiten kann – Trick 17 würde wohl Elio alias Marko Steiner sagen – seine Erklärung wenn er sich durch zu genaues Nachfragen aus der Situation jongliert.
Man könnte sich auch vorstellen, dass Escher auf seinem Sofa, beim Warten auf den Elektriker, den Leser an einer fantastischen Fantasiereise teilhaben lässt.
Über den Autor
Wolf Haas wurde 1960 in Maria Alm am Steinernen Meer geboren. 1996 brachte er seinen ersten Brenner-Krimi raus, über die Jahre folgten acht weitere. Neben den Krimis hat Wolf Haas auch schon mehrere Romane und zwei Hörspiele veröffentlicht. Für sein Werk erhielt er mehrere Auszeichnungen.
Schwebende Lasten von Annet Gröschner
Beim H.C. Beck Verlag heißt es:
Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr naheging bis zum Lebensende. Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand. Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben.
Gröschner nimmt das Gemälde „Blumenvase in einer Fensternische“ des niederländischen Malers Ambrosius Bosschaert als roten Faden des Romans. 25 Kapitel und 25 Blumen, die jeweils den Kapiteln vorangestellt sind. Jeder Kapitelanfang ist einer Blume gewidmet.
Textauszug:…Studentenblume. Auch Tagetes genannt. Leuchtendes Gelb oder Orange. Aus der Familie der Korbblütler. Ist nur einjährig, aber sehr a npassungsfähig und robust. Riecht streng. Wenn im Strauß, dann nur 1-2 und mit angenehm duftenden Blumen.
Hanna bekommt im Jahr 1938 von einem geheimnisvollen Fremden den Auftrag, das Bukett vom Gemälde nachzubinden. Bosschaerts Bild steht für die Schönheit der Schöpfung und Vanitas in einem, eine Metapher für die Ambivalenz des Lebens.
Gröschner schöpft aus der Lebenswirklichkeit von Frauen des vergangenen Jahrhunderts, deren Aufgabe es war, aus wenig Bildung und viel Armut das Beste zu machen. Mit Karl, von der Familie als 3. Wahl bezeichnet, widerfahren ihr 6 Schwangerschaften, illegale Abtreibungen nicht eingerechnet. Das Empfinden eigener Sexualität erfährt sie erst durch ihre Töchter:
“ Barbara setzte sich beim Schleudergang auf den Deckel(der Schleuder) und nach kurzer Zeit juchzte und quietschte sie wie in einem Liebesfilm:“ Musst du auch mal ausprobieren, Mutti.“
Hanna Krause organisiert ohne Klagen das Familienleben, übernimmt die Sorge- und Pflegearbeit und stellt dabei die eigenen Bedürfnisse hintenan.
Textauszüge: Mehr Lohn bekam eine Frau nur in Männerberufen. Hanna entschied sich für den Kran. Da würde sie Abstand haben. Abstand war gut, wenn man, wie sie im Alltag, keinen Raum für sich allein hatte.
Und: Je besser sie den Kran beherrschte, desto mehr Gefallen fand sie an ihrer Position. Bald nannte sie ihren Kran Mimi. Sie redete mit Mimi, wie sie mit den Blumen geredet hatte. Und nicht selten dachte sie, dass sie mehr mit ihrem Arbeitsgerät redete als mit Karl.
Annett Gröschner gelingt das Portrait einer gewöhnlichen Frau, aufgewachsen im Osten Deutschlands, die das Leben nimmt, wie es kommt.

Hey, guten Morgen, wie geht es dir? von Martina Hefter
Martina Hefter befasst sich in ihrem Roman mit Love-Scamming, einer organisierten Form von Verbrechen auf Social-Media-Plattformen oder Dating-Portalen. Als weiße, mittelalte Männer getarnt, spielen sie ihren Opfern die große Liebe vor. Geschäftsmodell: Frauen über 50 und ihre Sehnsüchte.
Juno, Mitte fünfzig, lebt mit ihrem kranken Mann Jupiter, einem Schriftsteller, in einer Altbauwohnung in Leipzig. Nachts, wenn sie nicht schlafen kann, sucht sie nach Scammern auf Dating-Portalen. Geübt im Umgang mit den gefälschten Accounts, lässt sie die Betrüger auflaufen. Sie begeht eine Täter-Opfer-Umkehrung und entwickelt ebenfalls phantastische Lügengeschichten. Der Chat mit Benu, dem wesentlich jüngeren Mann aus Nigeria, zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung.
Textauszug: „Wie hast du das gemerkt mit dem Scammen?“
„Wer kann so etwas ernst nehmen. Owen Wilson aus der Ukraine, und dein albernes Profilbild. Das ganze Geschnulze auch noch.“
Während Juno chattet, schläft Jupiter nebenan im Pflegebett. Ein Paar, wie es gegensätzlicher nicht scheinen könnte. Er ist an Multipler Sklerose erkrankt und auf Junos Pflege angewiesen – es hat sich eine Art abhängiger Betreuungsfürsorge entwickelt. Der Radius seiner Bewegungen wird immer kleiner. Juno dagegen ist der verkörperte Bewegungsdrang. Tanzperformance und Ballett sind ihr Lebenselixier. Sie lebt ein unstetes Leben, oft am Existenzminimum. Während Jupiter im Nebenzimmer starr liegt, macht Juno auf der Matte unermüdlich ihre Dehn- und Kraftübungen. Noch immer könnte sie die Nächte in Clubs durchtanzen, wenn sie als Frau über 50 dabei nicht merkwürdig angesehen würde. Jupiter weiß nichts von Benu. Er hätte Grund, sich zu beschweren:
Textauszug: „Dass Juno mit einem fremden Menschen ausgiebig chattete, mit ihm aber oft nur ein paar hastige Sätze tauschte.
Juno offenbart noch eine dritte Liebe, nämlich die zu sich selbst und zum eigenen Körper. Ihre langen Beine werden mehrmals inszeniert, u.a. als Ort für besondere Tattoos. Auf der Bühne findet Juno den Ort, wo sie ganz sie selbst sein kann.
Textauszug: Eigentlich schauspielerte sie nur dann, wenn sie nicht auf einer Bühne stand. Da spielte sie, ein normaler Mensch zu sein.
Hefter benutzt eine erstaunlich einfach gehaltene Sprache, stellvertretend für die alltägliche Monotonie im Leben von Juno. Durchgängig nutzt Hefter Wortspiele – Die Figuren tragen alle Götternamen – selbst Benu; eine Art Vorgänger des Phönix, ein Totengott.
Der Chat verläuft häufig nach einem gleichbleibendem Muster: lachende und weinende Emojis, Zwinker-Smileys, Kurzsätze. Im Verlauf wechseln sie zu WhatsApp und Videotelefonie. Dem Leser stellt sich die Frage, was sich zwischen den beiden entwickelt. Und warum Juno diesen Kontakt über einen monatelangen Zeitraum aufrecht erhält. Als Benu seine Liebe zu Juno erklärt, nimmt die Geschichte Fahrt auf.
Die Charaktere von Benu und Jupiter bleiben quasi Nebenfiguren in diesem Roman der Selbstfindung einer Künstlerin. Fesselnd wird das Buch durch Ausschnitte aus dem alltäglichen Lebenskampf des Paares, Junos Reflexionen über Tanzprojekte, Tätowierungen, die einsetzende Altersdiskriminierung sowie Selbstausbeutung.

Martina Hefter hat mit „Hey guten Morgen, wie geht es Dir?“ den Deutschen Buchpreis 2024 gewonnen. Erschienen im Klett-Cotta Verlag 2024, 220 Seiten, 22 Euro
Bademeister ohne Himmel von Petra Pellini
Linda ist fünfzehn und würde am liebsten vor ein Auto laufen. Doch noch halten zwei Menschen sie davon ab: ihr einziger Freund Kevin, der daran verzweifelt, dass die Welt am Abgrund steht. Und Hubert, sechsundachtzig Jahre alt, ein Bademeister im Ruhestand, der seine Wohnung kaum mehr verlässt, Karotten toastet und auf seine Frau wartet, die vor sieben Jahren verstorben ist. Dreimal wöchentlich verbringt Linda den Nachmittag bei Hubert, um die polnische Pflegerin Ewa zu entlasten, die mit durchaus eigenwilligen Mitteln ihren Beruf ausübt. Feinfühlig und spielerisch begegnet Linda Huberts fortschreitender Demenz und versucht, den alten Bademeister im Leben zu halten. Bis das Schicksal ihre Pläne durchkreuzt …(aus dem Rowohlt Verlag).
Linda denkt sich in Situationen, wie sie ihr Leben beenden möchte. Textauszug: Ich werde vor ein Auto laufen. Die Menschen werden sich um mich scharen und mit weit aufgerissenen Augen auf meine blutenden Wunden starren. Wenn mein linker Arm gut zu liegen kommt, werden sie den Säbelzahntiger auf meinem Unterarm sehen. Die Welt wird stillstehen und endlich wird jemand es aussprechen: Das Mädchen braucht Hilfe!
Zwei Menschen schaffen es, Linda ihrem Netz düsterer Gedanken zu entreißen: Der Schulfreund Kevin und der demenzkranke Nachbar Hubert. Nun hat Huberts Tochter sie gebeten, Huberts Pflegerin Ewa stundenweise zu entlasten. Hubert ist ein pensionierter Bademeister, der stolz darauf ist, dass bei ihm nie ein Kind ertrunken ist. Das ist ihm wichtig. Genauso wie seine Ehefrau, die er jeden Moment vom Einkaufen zurück erwartet.
Linda erfährt, wie die Demenz sein Gehirn mehr und mehr zerstört. Sie erlebt, dass Hubert die Menschen in seinen Fotoalben nicht mehr erkennt. Ideenreich und unkonventionell lockt sie Hubert aus seinem Dämmerzustand heraus. Schleppt dazu einen Karton Schwimmflügel aus dem Keller und veranstaltet im Wohnzimmer mit Hubert ein Schwimmtraining.
Romanauszug „Wie viele?“, fragt Hubert, als er die Schachtel sieht. „Elf“, antworte ich. Hubert stellt sich neben mich, vergräbt die Hände in den Hosentaschen und atmet tief aus, als ich die Schachtel öffne: Original BEMA Schwimmflügel, orangefarben, in unterschiedlichen Größen. (…) Jetzt ist Hubert Bademeister. Ein leiser Wind säuselt durchs Wohnzimmer. Kindergeschrei. Es riecht nach Chlor und Sonnencreme. Hubert sortiert Schwimmflügel nach Größen, überprüft ihre Funktionalität, pumpt sie auf und grinst, als hätte er in der Lotterie gewonnen. Ich bringe ihm sein weißes Cappy und setze es behutsam auf seinen Kopf.
Der Leser staunt über Lindas Unbefangenheit, im Umgang mit Hubert, der nach und nach in seine eigene Welt versinkt. Und über ihr Bestreben, ihre Einfälle, ihn glücklich zu machen. Demenzkranke Menschen auf ihren Weg zu begleiten, ist mehr als den Umgang mit Verlusten von Fähigkeiten zu ertragen. Petra Pellini nimmt der Aufgabe die Schwere, setzt Glanzlichter in den Pflegealltag. Ob Anteilnahme und Humor, Lachen und Weinen – die Wege im Umgang mit demenzkranken Menschen bieten eine Fülle von Möglichkeiten, Ideen. Sie zeigt uns eine Haltung, die abweicht von dem, was wir im Umgang mit demenzkranken Menschen gewohnt sind. Zeit für Zuwendung, würdevoll und einfühlsam, ist eine Frage der Haltung und der Ressourcen. Petra Pellinis Roman ist auch ein politisches Statement.

Petra Pellini, geboren 1970 in Vorarlberg, lebt und arbeitet in Bregenz. Sie war lange in der Pflege demenzkranker Menschen tätig. Für einen Auszug aus ihrem Roman «Der Bademeister ohne Himmel» wurde sie 2021 mit dem Vorarlberger Literaturpreis ausgezeichnet.
