
Es ist Januar. Seit Tagen fällt Kälte vom Himmel. Zeit, im Moor zu wandern. Spuren von Wildwechsel führen durch das Frostland. Irgendwo arbeitet ein Specht. Auf dem hartgefrorenen Boden nähere ich mich dem kleinen See. Rascheln und Knistern begleiten meine Schritte. Manchmal knackt eine Eisplatte bedrohlich. Eine Gruppe Kiefern rahmt einen abgestorbenen Birkenstamm, dort, wo das Moor in den Wald übergeht.
Letzten Sommer entdeckte ich dort ein Meer Wollgräser. Das Moor schwankte unter meinen Schritten, zog an den Stiefeln. Die grazilen, hellweißen Köpfe träumten sich in dem dunklen Wasser des Sees. Heute glitzern an ihrer Statt Facetten feinen Raureifs in den verfrorenen Gräsern.
Der Birkenstamm ist besetzt. Ein Rabenvogel lässt sein schwarzes Kleid dort in der Mittagsonne glänzen. Jetzt schaut er zu mir rüber. Wir kennen uns. Hey, was schaust du so? Ich weiß, du hast auf mich gewartet. Dein Krächzen hat es mir verraten. Deine Blicke, diese Kopfbewegungen – dir entgeht nichts. Wie wendig du deinen Hals drehst, nach links, nach rechts, nach hinten, nach vorn. Immer wieder. Das Klappern deines Schnabels klingt wie eine Aufforderung zum Zwiegespräch. Ein schönes Bild. Ich nehme es mit meinen Augen auf. Staune und träume mich fort.
Dieses Licht. Ich liebe es, wenn die Sonne ihr Glitzern auf das Wasser legt. Wolken dabei zusehen, wenn die Gräser dem Wind lauschen. Und sofort bin ich wieder beim Wollgras. Ob meine Großeltern ihre Schönheit auch so liebten? Ober traf ihr Sinn nur die harte Arbeit? Über lange Jahre hatten sie ein Stück Moor gepachtet, zum Torf stechen. Torf hielt, neben dem Brennholz,
im Winter das Haus warm. Sie holten die nassen, fetten Soden aus der Grube. Stapelten Türme damit. Den Sommer über schrumpften sie dann zu rauen, schwarzbraunen Stücken zusammen. Ich weiß das meiste davon nur aus Erzählungen.
Was denkst du dir, Vogel im schwarzen Kleid? Sorgst du dich auch um das Moor? Über das, was dem Moor hier drohen könnte. Siehst du die Eitelkeiten der Menschen? Wie sie rennen! Gierig, ohne Blick für das Ganze. Immer nur geradeaus, die Straße entlang; als ob sie es nicht besser wüssten. Das Moor geht uns alle an. Ich fürchte, dass es immer so weitergehen wird. Zerstörung von Natur und Umwelt für den Profit. Und jeder, der es wissen will, kennt die Bedeutung intakter Moore. Insbesondere für den Klimaschutz. Man müsste nur genau hinsehen und hören. Moor ist doch mehr als ein Schaustück den Besuch am Sonntagnachmittag.
Hey, Schwarzmantel, Götterbote Odins, stoisch hockst du da. Nur dein spitzer Schnabel ragt aus dem Federkleid. An diesem frostklaren Wintertag dringe ich in dein Revier ein. So wie es Menschen eben tun. Gemeinsam mit dir kann mich nicht satt sehen. Ich versenke mich in diese Ruhe, entdecke vor meinen staunenden Augen die Schönheit und ihre Stille.
Stelle mir vor, du könntest dich verbünden mit anderen Rabenvögeln. Ihr würdet den Menschen von der Bedeutung der Moore erzählen. Durchdringend. Laut, ausdauernd, selbstbewusst. Jeden Tag, morgens und abends, gäbe es einen Aufstand am Himmel. Eine schöne Vorstellung!
Jetzt schüttelst du deine Flügel zurecht. Machst du dich lustig über meine Fantasien? Ja, mach nur. Ich möchte auch Krächzen können, so wie du und deine Kumpel. Ein Lächeln macht sich in meinem Gesicht breit. Ich bin aus dem Haus gegangen – aus dem gewohnten, gedachten. Und dabei vom Weg abgekommen. Ein Ruck – und schon entflieht deine dunkle Silhouette in den Himmel. Vereinzelte Schneeflocken tanzen über dem See, angeschoben von einem unruhigen Wind. Ich ziehe den Schal fester, rücke die Mütze zurecht. Es wird Zeit.
